Livebands-Verzeichnis aktualisiert

Das Livebands-Verzeichnis wurde mal wieder auf den neuesten Stand gebracht. Das heißt, ich habe die Daten aller Bands, die eine Homepage oder einen MySpace oder Facebook-Account angegeben hatten und deren Seiten ich nicht mehr im Netz finden konnte, aus dem Verzeichnis gelöscht. 

Hinweis: Bitte bei Änderungen der Bandkontakte, Bandauflösungen usw. eine kurze Info an mich. Danke!




Bands & Stasi

Wie anderswo auch, unternahm das MfS (Ministerium für Staatssicherheit) alles, die volle Kontrolle über die Kulturszene zu behalten. Und es fanden sich auch immer wieder Musiker und Funktionäre, die sich nicht zu schade waren, an „Schirm und Schwert der Partei“ einschlägige Informationen zu liefern…

Das konnten private Fehden zwischen Musikern sein, wie bei „IM Artur Abendroth“, einem recht bekannten Musiker aus der Region, oder einfach nur Charaktermängel und dumpfe weltanschauliche Verbohrtheit wie bei „FIM Bergen“ alias Richard Bothge. Und oft waren es Musikerkollegen oder Funktionäre, denen man das nie zugetraut hätte. Wie eben auch in den beiden hier genannten Fällen. Bands brauchen Öffentlichkeit, ein Publikum. Sind sie gut, können Sie ihren Fans durchaus Botschaften rüberbringen. Vor nichts hatte die Führung der verflossenen DDR mehr Angst, als vor solch unkontrolliertem Einfluss. Grund genug, der Szene besondere Aufmerksamkeit zu widmen.

In Abschriften einiger weniger Dokumente aus der umfänglichen Stasi-Akte von Hans–Jürgen („Männe“) Knobloch kann das mit dessen freundlicher Genehmigung nachgelesen werden. Die Texte wurden wörtlich übernommen, lediglich Rechtschreibung und Interpunktion wurden korrigiert. Notwendige Erklärungen sind in eckigen Klammern eingefügt.

Mitteilung von Heinz-Gerold Briese, Leiter der Abteilung Kultur beim Rat des Kreises Görlitz, an die Kreisdienststelle Görlitz des Ministeriums für Staatssicherheit:

Görlitz, den 7.2.1972

Lt. Mitteilung des VPKA Görlitz vom 18.1.1972 ist gegen den Leiter der Kapelle „Meteor-Quintett“, Kollegen Hans-Jürgen Knobloch, wohnhaft in Reichenbach, Görlitzer Str. 5, ein Ermittlungsverfahren eingeleitet worden wegen Alkohol am Steuer… Daraufhin wurde von uns die Spielerlaubnis eingezogen. Er war damit nicht einverstanden und hat sich zweimal beschwerdeführend an uns gewandt. Bei diesen Aussprachen haben wir ihm mitgeteilt: Die Spielerlaubnis erhält er erst wieder, wenn er uns den Beweis erbringt, dass er nach Abschluss seines Ingenieur-Studiums einer geregelten Arbeit nachgeht. Vom Betrieb muss uns die Befürwortung vorgelegt werden, dass er nebenberuflich Tanzmusik ausüben darf.  Nach der Urteilsverkündung werden wir festlegen, ob er bis zur Erteilung der Spielerlaubnis eine befristete Spielerlaubnis von uns ausgehändigt bekommt. Es wurde ihm von uns nahegelegt, vorübergehend einen Ersatzmusiker an seiner Stelle in die Kapelle aufzunehmen. Vorübergehend – um die nächsten Einsätze durchführen zu können – erhält er von uns bis Mitte Februar eine befristete Spielerlaubnis. Die Veranstaltungen, an denen er noch mitwirken kann, sind von uns festgelegt worden. Auch damit erklärte sich Herr Knobloch nicht einverstanden und beklagte sich darüber, dass er doppelt bestraft wird (einmal als Bürger durch das Gericht, einmal als Musiker durch uns). Auch darüber haben wir nochmals mit ihm gesprochen. Trotzdem sieht er unsere Festlegungen als nicht gerechtfertigt an. Ein Rechtsanwalt – Name hat er uns nicht gesagt – soll angeblich unsere Festlegungen auch nicht als rechtmäßig anerkannt haben.

(Handschriftlich unterschrieben) Briese

Handschriftliche Aktennotiz von Ultn. Schwarz, Dienststelle Görlitz des Ministeriums für Staatssicherheit

Görlitz, den 14.5.73

Aktennotiz zur Person Knobloch, Hans-Jürgen

Durch „FIM Bergen“ wurde bekannt, dass Knobloch in seiner Funktion als Leiter der Laientanzkapelle einer Mitwirkung an den X. WfS [X. Weltfestspiele der Jugend und Studenten 1973 in Ost-Berlin] mit seiner Kapelle negativ gegenübersteht. Er versuchte, in geführten Aussprachen seine Mitwirkung von finanziellen Forderungen abhängig zu machen. Weiterhin vertrat er die Auffassung, dass die vorgegebenen DDR-Titel unmodern sind, der Drang der Jugend nach VE-Titeln [verbotenene Einfuhr >> Westtitel, die in der DDR nicht verlegt waren und somit nicht gespielt werden durften] wäre unverkennbar. Mit „FIM Bergen“ wurde abgesprochen, Knobloch von der Teilnehmerliste zu streichen.

Schwarz / Ultn

Handschriftliche Aktennotiz von Ultn. Schwarz, Dienststelle Görlitz des Ministeriums für Staatssicherheit:

Aktennotiz 2.8.1974 Ultn. Schwarz, MfS-Diensstelle Görlitz

Dienststelle Görlitz Görlitz, den 2.8.74

Knobloch, Hans-Jürgen

Durch GMS/KP Person aus Reichenbach wurde bekannt, dass Knobloch, Hans-Jürgen, 4.3.1947, w.h. Reichenbach, Görlitzer Str. 5, zu den Nichtwählern der letzten Wahl zählte. Schwarz / Ultn.

Bandabschrift von Oltn. Urbanski, Dienststelle Görlitz des Ministeriums für Staatssicherheit:

Dienststelle Görlitz Görlitz, den 4.4.1975 ur. ED 7065 Bandbericht FIM „Bergen“ vom 03.04.75

Einschätzung Bezirksleistungsvergleich Tanzmusik 21.-23.03.75 in Riesa

Aus dem Kreis Görlitz nahm die Amateur-Tanzkapelle „Reflektion“[eigentlich Reflexion], Leiter Knobloch, an diesem Leistungsvergleich teil. Insgesamt waren 16 Kapellen zur Einstufung in die Sonderstufe angetreten. Um das Ergebnis gleich zu sagen, von den 16 haben nur 4 die Sonderstufe erreichen können, darunter die „Reflektion“ welche den ersten Platz insgesamt belegen konnte und den Preis des Stahl- und Walzwerkes Riesa entgegennehmen konnte und auch noch für eine gute Eigenkomposition ausgezeichnet wurde. Insgesamt waren sehr ordentliche Leistungen zu hören, obwohl in Frage gestellt ist, dass die Kapellen, so wie wir sie beim Leistungsvergleich gehört haben, auch in der Praxis so arbeiten, zumindest was die Kapelle „Reflektion“ betrifft, bestehen die größten Bedenken in dieser Hinsicht. Wir hatten Gelegenheit, mit Knobloch und Knothe und anderen Mitgliedern der Kapelle zu diskutieren. Interessant war, dass Knobloch gegenüber dem Sekretär für Kultur und Bildung der FDJ-Kreisleitung, Werner Jeschkowski, darzulegen versuchte, weshalb er 1974 nicht wählen gewesen ist. Er stellte es so dar, dass er durch ein Versehen den Wahlschein nicht bekommen hat, er wohnt in Reichenbach und arbeitet in Radeberg. Im Verlauf dieser Unterhaltung dieser Unterhaltung stellte er den Bürgermeister als Trottel und Bürokraten dar. Jeschkowski hat sich bemüht, Knobloch klarzumachen, dass er nicht im Sinne eines ordentlichen Staatsbürgers gehandelt hat… Insgesamt muss man feststellen, dass die Vertreterin des Kreiskabinetts für Kulturarbeit, Kollegin Barg, Ingrid, die politisch-ideologische Situation in der Kapelle „Reflektion“ falsch einschätzt, statt dem Knobloch auch die Meinung zu sagen für sein nicht gutes politisches Verhalten als Staatsbürger, versuchte sie, diese Angelegenheit zu bagatellisieren. Sie wollte sich auch dafür verwenden, dass Knothe evtl. später einberufen wird und gab also zu verstehen, dass sie sich bemühen wollte, dass diese Kapelle eingesetzt wird. Endgültig können wir sagen, dass nach Absprache mit dem Bezirkskabinett für Kulturarbeit in Dresden, Gen. Gerhard Fillebrand, am 02.04.1975 bei einer Beratung des Org.-Büros Zittau entschieden wurde, dass diese Kapelle nicht auftritt. Begründet wurde diese Entscheidung mit der Unsicherheit, die durch den Wegfall des Bassgitarristen Ulli Knothe entsteht und wir eine solche Unsicherheit nicht in Kauf nehmen können. Mit dieser Entscheidung wurde gleichzeitig der Auftrag des Ministeriums für Staatssicherheit, Dienststelle Görlitz, erfüllt, mit welcher vorher entsprechende Absprachen getroffen wurden.

gez. „Bergen“ f.d.r.d.a. (handschriftlich) Urbanski

Handschriftlicher Bericht FIM Bergen vom 07.08.1975:

ED 7065
Bericht

In der vergangenen Woche (297.75) erhielt ich davon Kenntnis, dass dem Kapellenleiter H.J. Knobloch von der Amateurtanzkapelle „Reflexion“ durch den Leiter der Abteilung Kultur des Rates des Kreises Görlitz, Genossen Werner Klay, die Spielerlaubnis entzogen wurde. Anlass dazu war die Feststellung, dass K. gegenwärtig in keinem Arbeitsrechtsverhältnis steht. Er soll in seinem Betrieb in Radeberg gekündigt haben, weil er keinen unbezahlten Urlaub erhalten hat, den er zur Auflösung des Haushaltes seiner kürzlich in Reichenbach verstorbenen Mutter benötigte.

Bei der zwischen Gen. Klay und K. durchgeführten Aussprache soll es sehr heftig zugegangen sein. Es wurde außerdem in diesem Zusammenhang festgestellt, dass K. in seiner Spielerlaubnis für den Zuschlag als Kapellenleiter 50% eingetragen hat, so dass er mehr Geld bezieht, als ihm lt. Einstufung zusteht. Bei der Aussprache war die Position Knoblochs so, dass er den Standpunkt vertrat, dass er nicht die Pflicht habe zu arbeiten, sondern das „Recht auf Arbeit“! Wie bekannt wurde, will Knobloch die Prüfung als Berufsmusiker machen! Leider wurde die durchaus richtige Handlungsweise des Gen. Klay nicht mit allen Konsequenzen weitergeführt.

Knobloch war für die Dorffestspiele in Girbigsdorf am 2. oder 3.8.75 vertraglich gebunden. Da ihm vorher die Spielerlaubnis entzogen worden war, konnte er diesen Vertrag nicht realisieren. Auf Drängen des Bürgermeisters von Girbigsdorf wurde ihm vom Rat des Kreises Görlitz eine Sondergenehmigung zum Spielen erteilt Wenn die Eintragung des 50% Kapellenleiterzuschlag in die Spielerlaubnis durch Knobloch selbst erfolgt ist, stellt diese Handlung ein strafrechtlich zu verfolgendes Delikt dar! Die Kapelle ist meines Wissens nach zu den 16. Arbeiterfestspielen delegiert! Auch in dieser Beziehung müssten ja entsprechende Schritte eingeleitet werden.

Görlitz, den 7.8.75

Bergen Schw. f. AS




„Kampfprogramm“

Im real existierenden Sozialismus, wie er auch gern offiziell beschrieben wurde, kämpfte man um alles, um die Planerfüllung genauso wie um die Beschaffung alles Lebensnotwendigen. Das allgemeine Kämpfen endete auch nicht in der Kultur. Wenn eine Band eine höhere Einstufung anstrebte, musste sie sich mit den Kulturfunktionären arrangieren. Die ließen die Musiker gern auch unfreiwillig komische Elaborate wie das folgende „Kampfprogramm“ unterschreiben…

Kampfprogramm

Um den hohen Anforderungen an Jugendtanzkapellen bei der Interpretation von moderner Tanzmusik besser gerecht werden zu können, nehmen wir den Kampf um den Titel „Hervorragendes Volkskunstkollektiv“ auf. Dabei haben wir uns folgende Aufgaben gestellt:

Qualifizierung

Alle Kapellenmitglieder qualifizieren sich auf musikalischem Gebiet (theoretisch und praktisch), um die Qualität des technischen und künstlerischen Leistungsvermögens zu erhöhen. Wir nehmen geschlossen am Ferienkurs für Instrumentalisten der Musikhochschule Dresden im Februar 1975 teil. Dadurch sollen die Voraussetzungen für eine positive Einflussnahme auf die Jugend bei der Geschmacksbildung im Bereich moderner Tanzmusik geschaffen werden als Teil der Heranbildung zur sozialistischen Persönlichkeit.

Intensive Vorbereitung auf das Tanzmusikfest im März 1975 in Riesa. Ziel ist es dabei, die erreichte Sonderstufe erfolgreich zu verteidigen und die Gelegenheit zum praktischen Erfahrungsaustausch zu nutzen.

Repertoiregestaltung

Bereicherung unseres Repertoires durch Verwendung von Themen der Klassiker und der Folklore zur Erhöhung der Vielseitigkeit.

Verstärkte Bemühungen auf dem Gebiet von Eigenkompositionen und Eigenbearbeitungen von bereits vorhandenen Werken.

Übernahme von Tanzmusikproduktionen der sozialistischen Bruderländer.

Gesellschaftliche Tätigkeit

Wir erklären unsere Bereitschaft zur Teilnahme an folgenden kulturellen Veranstaltungen:

Festival der Volkskunst sozialistischer Bruderländer im Mai 1975

Leistungsvergleich der Jugendtanzkapellen der Stadt und des Kreises Görlitz im Juni 1975

Eventuelle Einsätze bei Kulturveranstaltungen im Kreis Görlitz

Verbesserung der Zusammenarbeit mit dem Kreiskabinett für Kulturarbeit Görlitz.

Gewinnung einer Einrichtung oder eines Betriebes für die Übernahme einer Trägerschaft.

Görlitz, den 15.1.1975

REFLEXION – Görlitz Gesangs – und Instrumentalgruppe




Bands in der DDR

 

Von paradiesisch bis schikanös:

Die Bands der 50er bis 80er im Osten Deutschlands spielten unter Bedingungen, die heute nur schwer vorstellbar sind – im Positiven wie im Negativen…

Muggen über Muggen… (Mugge= Musikalisches Gelegenheitsgeschäft)

CD-Player, iPod und Diskotheken waren entweder noch nicht erfunden oder nicht zu beschaffen. Das hieß, wer tanzen wollte, war auf die handwerklichen Dienste von Musikern angewiesen. Und die wurden in beachtlicher Zahl benötigt, wie das Beispiel Görlitz zeigt:

Tägliche Tanzveranstaltungen gab es in den Etablissements Hotel „Stadt Dresden“, Hotel „Haus des Handwerks“, Hotel „Görlitzer Hof“, „Stadtcafe“, „Taverne“, „Bürgerstübel“, „Goldener Engel“. Wöchentlich 2 – 3 Tanzabende boten „Haus der Jugend“ genannt „Schuppen“, „Konzerthaus“, „Zwei Linden“, Kulturhaus „Hans Georg Otto“, „KEMA-Klubhaus“, „Karl-Marx-Klubhaus“ u.a. Es wurden folglich jede Menge Musiker gebraucht, und es gab sie auch. Es versuchten sich viele an einem Instrument. Ihrem kulturellen Horizont hat das auch dann nicht geschadet, wenn es am Ende nicht zum Musiker reichte.

Diese für Musiker eigentlich paradiesische Situation endete in den 80er Jahren mit der technischen Entwicklung und dem Entstehen erst mobiler, nach der Wende auch ortsfester Diskotheken.

Ost-Musiker an der kurzen Leine…

Dass die Bedingungen für die Musiker in der real existierenden DDR nicht zu paradiesisch wurden, dafür sorgten die Kultur-(=Partei-) Funktionäre mit diversen Regularien und Schikanen: Am bekanntesten ist wohl die Regelung, wonach generell 60% des Repertoires aus Titeln von DDR-Komponisten zu bestehen hatten. Die restlichen 40% durften aus der Zeit vor 1949, dem DDR-Gründungsjahr, oder aus dem Westen stammen. Letztere aber nur, wenn sie in der DDR verlegt waren. 60% des Repertoires hätte folglich kaum einer gekannt, denn man orientierte sich fast ausschließlich an westlichen Hitparaden. Was blieb den Bands übrig? Sie setzten sich über die Vorschriften hinweg. Und das mit dem Risiko, ein Auftrittsverbot einzufangen, wenn sie erwischt wurden.
Sie akzeptierten dafür sogar, anlässlich so genannter gesellschaftlicher Höhepunkte „spontane“ Texte zu unterschreiben, die ihnen von den Kreiskabinetten für Kulturarbeit als eigenes Elaborat untergejubelt wurden, wie das überzeugende Beispiel eines „Kampfprogramms“ (siehe Folgebeitrag) zeigt.

Ausscheide zwischen Bands gab es auf Kreis-, Bezirks- und DDR-Ebene. Hier z.B. Presseberichte über die Bautzener Band HonkyTonky:

Die Bands erfreuten sich natürlich auch der ausgezeichneten Aufmerksamkeit durch die Sicherheitsorgane der DDR. So gab es IM´s auch in der Szene (IM = Informeller Mitarbeiter, kurz: Spitzel). So schrieb ein IM Artur Abendroth – ein auch heute noch bekannter Musiker der Oberlausitz – fleißig herabwürdigende Berichte über einen Kollegen seiner eigenen Band. Aber die Stasi hatte auch unmittelbaren Einfluß, ob eine Band oder ein Musiker die Spielerlaubnis bekam oder nicht und wenn ja, zu welchen Bedingungen. Sie bestimmte letztendlich auch, ob eine Band bei herausgehobenen Veranstaltungen auftreten durfte oder nicht. Ein typisches Beispiel siehe Beitrag „Bands & Stasi“!

Vor die Amateurmusikerlaufbahn hatten die Funktionäre zudem eine „Einstufung“ gesetzt. Bestand man diese, gab es die sogenannte Spielerlaubnis, auch „Pappe“ genannt, die zur Ausübung von Tanzmusik berechtigte. In ihr war ein Stundensatz festgeschrieben, der vom Veranstalter gefordert werden durfte. Er lag zwischen 3,00 und 7,50 Mark, zuletzt 8,50 Mark. Die Gage eines fünfstündigen Tanzabends läßt sich daraus errechnen. Leider befanden über die Qualität einer Band weniger Fachleute, als Funktionäre.

Die DDR-Wirtschaft konnte den Musikern weder ordentliche Instrumente, geschweige denn sonstiges Gerät zur Verfügung stellen. Notgedrungen duldete der Staat Schwarzimporte aus dem Westen, welche natürlich voll zu Lasten der Musiker gingen: Das so erworbende Equipment war zum Kurs von anfangs 1:6, später bis 1:10 (DM zu Ostmark) zu berappen. Ein Yamaha-Synthi DX 7 kostete auf diese Weise zwischen 20.000,- und 30.000,- Ostmark. Und das bei einem durchschnittlichen Einkommen des DDR-Werktätigen von 800,- Mark monatlich.

Was bleibt?

Es bleibt die Erinnerung an eine große Zeit der Livemusik. Und es gibt Hoffnung:

Immer wieder entstehen neue Livebands mit teils beachtlichem Niveau. Der Erfolg von Livenächten in Kneipen vieler Oberlausitzer Städte wie Bautzen, Görlitz und Zittau lassen auf zunehmende Akzeptanz live gespielter Musik schließen. Beim Publikum ohnehin und bei Gastronomen hoffentlich auch.

Bleibt abzuwarten, wie sich die neue Gebührenordnung der GEMA auswirken wird. Gutes ist davon wohl nicht zu erwarten. Jedenfalls nicht für die Livemusikszene.




Manfred-Ludwig-Formationen

Nach Auflösung des Orchesters Eberhard Weise 1962 schließen sich am 1. Januar sechs Musiker zu einer Band zusammen, die bald Jazzgeschichte nicht nur in und für Görlitz schreiben sollte:

  • Ernst-Ludwig „Luten“ Petrowsky (ld, as)
  • Heinz Becker (tp)
  • Manfred „Catcher“ Schulze (bars)
  • Siegfried Labrod (p)
  • Ulrich Türkowsky (b)
  • Werner „Bimbo“ Gasch (dr) 

Binnen Jahresfrist zählt die Band zu den ersten Jazz- Adressen in der DDR. Ab Januar 1963 ist sie Gastgeber der Neujahrs-Jam-Session im Görlitzer „Schuppen“ und Kern der Modern Jazz Bigband unter Klaus Lenz. Wolf Hudalla kommt 1963 für Manfred Schulze. Nicht nur in der DDR, auch im Ausland zählt das Manfred-Ludwig-Sextett in den folgenden Jahren zu den gefragtesten Jazz-Formationen überhaupt. 

Die Geschichte des Petrowsky-Quintetts beginnt eigentlich 1957 mit der Gründung der Eberhard-Weise-Bigband. Nach der Auflösung dieses namhaften Jazz-Orchesters im Jahre 1961 blieben nahezu alle Musiker dem Jazz weiterhin verbunden; vier von ihnen bildeten den Grundstock des 1962 gegründeten Manfred-Ludwig-Sextetts (der Name leitet sich aus den Vornamen der beiden Initiatoren Ernst-Ludwig Petrowsky und Manfred Schulze ab). Obwohl die Besetzung des Sextetts mehrfach wechselte, blieb erfreulicherweise die Qualität auf unvermindert hohem Niveau erhalten, was nicht zuletzt der glücklichen Hand Petrowskys zu verdanken ist. Stilistisch hatte die Gruppe bald ihren Sound gefunden, der ihr internationale Beachtung verschaffte. 1963 und 1964 gab das Sextett jeweils dreimonatige Gastspiele in der CSSR, verbunden mit Funk- und Fernsehaufnahmen. Funkproduktionen beim Sender Dresden und beim Berliner Rundfunk, zwei AMIGA-Schallplatten sowie Jazz-Konzerte in allen Bezirken der DDR sind weitere Fakten auf der Erfolgsliste des Manfred-Ludwig-Sextetts. 

— Programmheft der Veranstaltungsreihe JAZZ IN DER KAMMER des Deutschen Theater Berlin vom 23. Januar 1967

Während das Sextett neben Jazz-Konzerten auch Tanzabende bestritt, gründete Petrowsky 1966 eine band within the band, die in Quintett- bzw. Quartett- Besetzung ausschließlich mit Jazz an die Öffentlichkeit tritt. Über seine Musik sagt Ernst-Ludwig Petrowsky selbst, 

sie bewege sich innerhalb des modernen bop, allerdings in dem, der um Dolphy, Coleman, Shepp, Henderson weiß und gelegentlich auch einmal einen Ausflug in Bereiche des Free Jazz riskiert, jedoch nicht, ohne in die Mitte zurückzufinden.

 

Das Manfred-Ludwig-Sextett gehört zu den wenigen Bands, denen in der DDR die Möglichkeit gegeben wurde, eine Jazz-Platte aufzunehmen. Die Platte Jazz mit Dorothy Ellison & dem Manfred-Ludwig-Sextett dürfte zu den wenigen gehören, die nicht im Playback-Verfahren, sondern im direkten Zusammenmusizieren von Sängerin und Band entstand und daher von besonderer Authentizität ist.

Manfred-Ludwig-Sextett 1970 – Die Zäsur: 

Was im Programmheft von Jazz in der Kammer schon anklingt, bestätigt sich: 

Ernst-Ludwig Petrowsky wendet sich mehr und mehr dem Free Jazz zu, verläßt 1970 das Manfred-Ludwig-Sextett und beginnt seine erfolgreiche Solo-Karriere. Für das Manfred-Ludwig-Sextett bedeutet der Ausstieg eine Zäsur. Das Fehlen des Spiritus Rector ist quasi das Ende des Jazz für die Band. 

Sie spielt allerdings weiterhin auf höchstem Niveau und zählt bis 1990, dem Zeitpunkt ihrer Auflösung zu den Spitzen-Programm- und Show-Bands der DDR, unterwegs im In- und Ausland.

Folgende weitere Spitzenmusiker spielten neben den schon genannten im Manfred-Ludwig-Sextett: 

Das Manfred-Ludwig-Sextett auf Wikipedia → hier




Tanzorchester Eberhard Weise

Der Görlitzer Bassist Ulrich Türkowsky (✝ 2016) erinnert sich:

Sommer 1956, Jazz-Matinee mit der Eberhard-Weise-Combo im Görlitzer Kino Capitol. Ein Jahr darauf entschließen sich ehemalige Schüler der Musikschule Görlitz zur Gründung eines Jazzorchesters: Eberhard Weise, Richard Bergmann, Wolf Hudalla, Günter Kloß. Im Juni 1957 steht die erste Besetzung: 

ORCHESTER EBERHARD WEISE – GÖRLITZ 1957 

  • Eberhard Weise (ld, arr, tb, p) Ernst-Barlach-Theater Güstrow
  • Richard Bergmann (tb, p, arr) Kleist-Theater Frankfurt/Oder 
  • Henry Walter (tb, arr. p, viola) vom Volkstheater Rostock 
  • Wolfgang Schönfeld (tp, voc) vom Orchester Fritz Klose 
  • Ernst-Ludwig Petrowsky (as, ts, v) Musikhochschule Weimar
  • Günter Kloß (ts, cl) vom Orchester Fritz Klose 
  • Wolf Hudalla (bars, cl) vom Orchester Heinz Hänsch 
  • Ulrich Türkowsky (b, bjo) vom Orchester Max Reichelt 
  • Christian Stäber (dr) – Dixieland-Amateur aus Dresden 
  • Werner Naumann (voc) vom Kleist-Theater Frankfurt/Oder 

Hier finden sich 1957 Enthusiasten, die sichere Engagements sausen lassen, um Jazz spielen zu können. Und warum in Görlitz? Weil es hier etwas für DDR-Verhältnisse exotisches gibt: Einen jazzbegeisterten Kulturfunktionär namens Günter Rosal, der sich weniger um die kulturpolitische Linie schert, als vielmehr bestrebt ist, ein modernes Orchester zu etablieren, das neben Jazz jugendgemäße Musik spielt. Er ist es auch, der für alles das sorgt, was die Musiker brauchen, vom Probenraum über Wohnungen bis zu Arbeitsplätzen für die Frauen. 

Doch Jazz ist nicht ohne Risiken und Nebenwirkungen: 

Premiere des Weise-Orchesters am 31.Juli 1957 in Peitz: 
Wirt und Publikum in Erwartung von Tanz- und Stimmungsmusik bekommen West Coast, Cool Jazz und ein bisschen Dixieland zu hören. 

Ergebnis: Schock, alle Verträge gekündigt! 

Aber es gab auch Positives: „Sächsische Zeitung“ v. 5. 8.1957:

„…Kürzlich hatte ich Gelegenheit, das Jazz-Orchester Eberhard Weise zu hören und möchte deshalb nicht versäumen, an dieser Stelle Görlitz zu diesem Orchester zu beglückwünschen. Viele Städte der DDR werden die Neißestadt darum noch beneiden. Es ist erstaunlich, was die Musiker leisten. Jeder von ihnen ist ein überdurchschnittlich begabter Solist und Meister auf seinem Instrument. Im Vergleich auf nationaler Ebene kann man es unbedingt als ein Spitzorchester Deutschlands bezeichnen. Es spielt vornehmlich modernen Jazz, zeichnet sich aber vor anderen Orchestern dadurch aus, dass es auch Oldtime-Jazz vollkommen stilecht spielt, wobei die Betonung auf stilecht liegt. Sehr empfehlenswert wäre es, wenn man den Rundfunk und die Schallplattenindustrie darauf aufmerksam machen würde, damit in dieser Beziehung eine Belebung – vornehmlich auf dem Schallplattenmarkt – zu verzeichnen wäre. Ich spreche hiermit die Hoffnung aus, dass wir dieses Orchester bald über unseren Rundfunk hören können.“

Georg Nothdorf 
Solobassist am Volkstheater Rostock“

 

1958 kommen Werner „Bimbo“ Gasch (dr), Josef Maxim Tausch (bars) 

Zweiter – gravierender – Personalwechsel im April 1959: Günter Kloß, Josef Maxim Tausch, Ulrich Türkowsky und Werner Gasch steigen aus und gründen das Günter-Kloß-Quartett. 

Die große Zeit der Bigbands geht Anfang der 60er Jahre zu Ende. Die Besetzungen werden dem Zeitgeist folgend kleiner. Es wird immer schwerer, eine Bigband zu verkaufen. Die Entwicklung macht auch um die Görlitzer Band keinen Bogen.

Eberhard Weise spielt in wechselnder Besetzung, u.a. mit Klaus Lenz, noch bis 1961, dann geht er zum Rundfunktanzorchester Leipzig. Die Auflösung des Orchesters bedeutete aber nicht das Ende des Jazz in Görlitz – im Gegenteil. Das Fundament war gelegt für die in den 60er Jahren entstehende Jazz-Szene um das Manfred-Ludwig-Sextett.




Musikfachschule Görlitz

 

Die Görlitzer Musikschule in den 50ern und ihr Bezug zu Tanzmusik und Jazz

Erinnerungen eines Ehemaligen

Die genaue bzw. komplette Bezeichnung zu jener Zeit war „Musikschule Görlitz, Fachgrundschule für Musik“, eine Ganztagsschule, die im selben Gebäude wie heute auf dem Fischmarkt untergebracht war. Dazu gehörte ein Jungeninternat auf dem Obermarkt (damals Leninplatz) – die Mädchen waren privat untergebracht. 

Die Ausbildung begann in der Regel nach Abschluss der achten Volksschulklasse und konnte nach vier Jahren in ein Hochschulstudium münden. Ausnahmen bildeten nicht wenige Quereinsteiger, die 15- oder 16jährig von Privatmusikschulen, so genannten Stadtpfeifen kamen, welche 1950/51 vom Staat aufgelöst wurden.

Je nach Talent, Fleiß oder auch der Wahl des Instruments, konnte das angestrebte Ziel, z.B. das eines Orchestermusikers, schon in dieser Fachgrundschulzeit erreicht werden. Anstatt weiter zu studieren, absolvierten viele ein erfolgreiches Probespiel bei einem der Provinzorchester (die es zu DDR-Zeiten in großer Zahl gab), um gegebenfalls später in höherklassige Orchester zu wechseln. Schon während dieser Ausbildungszeit wurden gern Gelegenheiten wahrgenommen, aushilfsweise bei hiesigen Tanzkapellen mitzuspielen. Der Klarinettenschüler Wolf Hudalla stellte, sobald er ein Saxofon besaß, eine Band zusammen und organisierte Auftrittsmöglichkeiten in der näheren und weiteren Umgebung. Die damaligen Posaunenschüler und späteren Bigbandmusiker Eberhard Weise (als Pianist) und Richard Bergmann waren mit von der Partie und sorgten schon damals für die Arrangements.

Eberhard Weise (p) – später Rundfunk- Tanzorchester Leipzig
Wolf Hudalla (sax) – später Manfred-Ludwig- Oktett
Edgar Kühne (dr) – später Polizei-Orchester Dresden, † 2015
Harry Mantei (tp) – weiterer Berufsweg unbekannt
Heinz Seifert (tp) – später Landesbühnen Sachsen
Holm Hanisch (bass) – später Vogtland- Orchester
Richard Bergmann (tb) – später hr-Bigband
Johannes Benad (tb) – weiterer Berufsweg unbekannt

Üblicherweise wurde nur nach klassischen Regeln unterrichtet, was vielleicht bei einigen das Interesse für die als minderwertig geltende Tanz- und Jazzmusik erst recht wach rief. Einer von ihnen hatte ein Radio, an dem jeden Samstag eine Traube Begeisterter hing, die sich auf Titel wie Trumpet Blues, Fatman Boogie oder Stan Kentons Version vom September Song freuten, welche seinerzeit im RIAS (Rundfunk im amerikanischen Sektor) in der Sendung „Schlager der Woche“ (!) gespielt wurden.

Wir machen einen Sprung in das Jahr 1956, Eberhard Weise war inzwischen im Theaterorchester Güstrow und Richard Bergmann in Frankfurt/Oder, während Wolf Hudalla dem Nieskyer Tanzquintett angehörte. Die Verbindung riss nie ab, es reifte die Idee, eine Band zu gründen, der Kompetenteste sollte die Leitung übernehmen. Im Sommer 1957 war es soweit, das Orchester Eberhard Weise probte erstmalig in Görlitz, dem ausgewählten Standort. Zuvor musste allerdings die   Besetzung komplettiert werden, wobei Eberhard Weise den Saxophonisten Ernst-Ludwig “Luten“ Petrowsky sowie den Posaunisten Henry Walter, und Richard Bergmann den Bassisten/Gitarristen Uli Türkowsky und den Sänger Werner „Mac“ Naumann mitbrachten. Günter „Mosi“ Kloß (ts) und Wolfgang “Huber“ Schönfeld (tp) kamen vom Orchester Fritz Klose aus Sebnitz, der Schlagzeuger Werner “Bimbo“ Gasch stieß etwas später dazu. Die Arrangements für die ungewöhnliche Besetzung(3 Sax., 2 Pos., 1 Trp., Piano, Bass und Drums) schrieben Weise, Bergmann und Walter. Trotz aller guten Vorsätze und großem Enthusiasmus begann die Band bereits nach einem reichlichen Jahr zu bröckeln. Auf die Gründe wird hier nicht weiter eingegangen, sondern nur die Wege der drei Görlitzer Musikschüler, die sich für die „leichte“ Musik entschieden hatten, weiter verfolgt.

Richard Bergmann ging im Frühjahr 1959 in den Westen, wo er vier Jahre in verschiedenen kleineren Formationen spielte. Diese Bands hatten meist Monatsengagements in großen Städten oder in so genannten Amiclubs, die es in Süddeutschland zahlreich gab. Anfang 1964 bekam er ein Engagement im Tanzorchester des Hessischen Rundfunks, (damals noch unter der Leitung von Willy Berking), wo er 31 Jahre blieb.

Im Lauf der Zeit hatte sich das Orchester immer mehr dem Jazz zugewandt, so dass es (ebenso wie die WDR- und NDR-Tanzorchester) Anfang der 80er offiziell in „hr-Bigband“ umbenannt wurde. Richard Bergmann, der neben seiner Tätigkeit als Posaunist nach wie vor als Arrangeur tätig war, bekam jetzt zunehmend Gelegenheit auch für Jazzgrößen wie Randy Brekker, Michel Petrucciani, Ernie Watts, Eddie Daniels etc. zu schreiben, die bei der HR Big Band zu Gast waren. 2012 kehrte der inzwischen 77-jährige Richard Bergmann abermals (nunmehr vielleicht endgültig) nach Görlitz zurück.

Wolf Hudalla, der bis zur Auflösung des Eberhard Weise Orchesters dort verblieb, wechselte danach zum Orchester Max Reichelt, das seinen Standort in Eberswalde bei Berlin hatte, die Sommersaison aber als Kurorchester an der Ostsee verbrachte. 1963 ging er zum Orchester Fritz Klose nach Sebnitz, um nur kurze Zeit später die Stelle des ausscheidenden Manfred „Catcher“ Schulze im Manfred Ludwig Sextett zu übernehmen. Diese allseits beliebte Band, die sich sowohl im Tanz- und Showgeschäft, als auch bei Jazzveranstaltungen im In- und Ausland hervortat, behielt auch dann noch ihren Namen, als der zweite Namensgeber Ernst-Ludwig „Luten“ Petrowsky ausgeschieden war. Viele Gastspiele und Tourneen führte sie nicht nur in das sozialistische Ausland, sondern auch schon vor der „Wende“ nach Westdeutschland. Wolf Hudalla lebt als Ruheständler inzwischen wieder in seiner Heimatstadt Langebrück.

Eberhard Weise nahm 1961, in der Auflösungsphase seines Orchesters, ein Angebot vom Leiter des Rundfunktanzorchesters Leipzig, Walter Eichenberg, an und löste Günter Oppenheimer am Piano ab. Seine Arrangements waren auch hier sehr gefragt und so entstanden in den folgenden Jahren viele hunderte für Rundfunk, Fernsehen, Film und Schallplatte. Auch der Jazz kam letztendlich nicht zu kurz, denn mit dem später zum Rundfunktanzorchester Berlin gewechselten E. L. Petrowsky und weiteren Mitgliedern dieses Orchesters wurde das legendäre „Ensemble Studio 4“ ins Leben gerufen, das neben Rundfunk- und Schallplattenproduktionen auch öffentliche Auftritte in Ost und West bestritt, wie z.B. beim renommierten Jazzfestival in Montreaux. Nach der Pensionierung Walter Eichenbergs übernahm Eberhard Weise die Leitung des Leipziger Rundfunktanzorchesters, welches nach der Wende leider aufgelöst wurde. Danach betätigte er sich erfolgreich als Leiter von Projekten des Jugendjazzorchester Sachsen oder der überwiegend aus Gewandhausmusikern bestehenden German Philharmonic Big Band. Sowohl für diese Projekte, als auch für Auftritte oder CD-Produktionen mit Künstlern wie Manfred Krug, Uschi Brüning, E.L. Petrowsky, Jiggs Wigham etc. schrieb er viele Arrangements. Heute lebt Eberhard Weise zurückgezogen in einem Vorort von Leipzig.

Zumindest von zwei weiteren ehemaligen Görlitzer Musikschülern ist bekannt, dass sie in keinem der so genannten Kulturorchester landeten. Der Trompeter Horst Marschner spielte viele Jahre in den Oberlausitzer Tanzorchestern Friedrich Kremz und Astoria. Der Posaunist Günter Mehlich, der wie Richard Bergmann vor der „Mauer“ in den Westen ging, landete bei bei der Bundeswehr Big Band in Bremen.

Quelle: Richard Bergmann, Görlitz




Swing im Nachkriegs-Görlitz

Vorbemerkung:

Dieser Artikel stammt von Manfred Raupach, einem ehemaligen Görlitzer, der heute in Bad Wildungen lebt. Der Artikel war auf der inzwischen geschlossenen Website „Jazz-in-Goerlitz.de“ veröffentlicht. Da er lesenswert ist, übernehme ich ihn auf „Toplivebands.de“.

Klaus Herkner

 

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Kürzlich hatte ich die Gelegenheit, bei der Jugend-Bigband der Görlitzer Musikschule ein kleines Gastspiel als Trompeter zu geben. Das erinnerte mich an die ersten Jahre nach dem 2. Weltkrieg, als der Swing auch in Görlitz sehr beliebt war und ich im Jugendtanzorchester Trompete blies. Darum schreibe ich auf, was sich in der 2. Hälfte der 40er Jahre in Görlitz auf dem Gebiet der leichten Muse abspielte.
– Manfred Raupach Bad Wildungen

Im Mai 1945 waren die zahlreichen Görlitzer Tanz- und Vergnügungslokale geschlossen, hatten aber alle den Krieg unbeschädigt überstanden und öffneten eines nach dem anderen bald wieder ihre Pforten. Schon im Herbst des gleichen Jahres starteten die „Scala“ (später „Karl-Marx-Klubhaus“, inzwischen abgerissen, heute Standort des „City-Center“) und „Zwei Linden“ ihre Varieté-Programme, und ab 1947 war in allen Musiklokalen außer der „Ressource“ wieder etwas los. Nur das Ballhaus „Endstation“ und das Tanz-Café „Ruhmeshalle“ waren jetzt unerreichbar, weil sie im polnisch gewor- denen Teil von Görlitz lagen.

Unterdessen waren moderne interna- tionale Tanzmusik und Jazz, die im Krieg nicht gespielt werden durften (Tanzen war ebenfalls verboten) auch in Görlitz hei- misch geworden. Vor allem der Swing, damals die im Jazz vorherrschende Stil- art, begeisterte uns Jugendliche. Die neue Musik war immer öfter im Radio zu hören (wenn man noch eines hatte), und ab Ende 1946 gab es wieder in be-schränktem Umfang Noten und Schall- platten. Besonders die neue Platten- marke „Amiga“ brachte die Erfolgsnummern der besten Berliner Bands. Auch gute Tanzorchester, die von außerhalb kamen, brachten moderne Schlager und heiße Musik nach Görlitz.

Auswärtige Kapellen gastierten z.B. in der „Scala“ (Struvestr.), im „Passagen-Café“ (Straßburg-Passage) und vor allem im „Resi“ (Obermarkt), das früher „Zum Mönch“ hieß. Es war ein kleines Tanzlokal, immer brechend voll, man trat sich gegenseitig auf die Füße, beim Tanzen kam man kaum von der Stelle – eine Nahkampfdiele, wie wir damals sagten. Hier war die Atmosphäre, in der Jazz gedeiht. Besonders gut erinnere ich mich an die „Harry-Harder-Combo“ vom Kurfürsten- damm Berlin, die irgendwann im Winter 1947/48 im „Resi“ engagiert war. Eine tolle Band – wenn sie „Hey-Ba-Be-Re-Ba“ hotteten oder den „Flat Foot Floogie“ swingten, schrien wir vor Begeisterung. Man nannte uns damals etwas verächtlich die Swing-Heinis. Wir wiederum nannten unsere Altersgenos- sen, die Schnulzen und lahme Schlager liebten (wie z.B. die „Caprifischer“), herablassend Tango-Jünglinge. Sie schmierten sich Pomade in die Haare, hatten lange Jacketts an und waren hinter allen Mädchen her. 

Diese Stenze zog es mehr in die „Scala“, in der sehr gute Tanzorchester spielten, wie z.B. „Harry Weissnicht“ vom „Luisenhof“ Dresden-Weißer Hirsch. Hier machte man auf vornehm. Die Preise waren hoch, und es herrschte Krawattenzwang. Wer ohne Schlips kam, wurde nur eingelassen, wenn er sich an der Garderobe einen auslieh gegen Hinterlegung eines Pfandes. Solchen Firlefanz mochten wir nicht und gingen dort kaum hin. 

Da war das „Passage-Café“ (Ecke Straßburg-Passage/Jakobstr.) für uns attraktiver. Hier war z.B. „Edi Thum mit seinen Swing-Rhythmikern“ aus Weimar mehrmals engagiert. Die Kapelle spielte unten, wir saßen meist oben auf der Empore, wo man ungestört war. Wer guten Swing hören, ein Mädel aufgabeln oder seine Freundin ausführen wollte, kam hier ebenso auf seine Kosten, wie die Tanz- wütigen. Ohnehin machten wir damals keinen Unterschied zwischen moderner Tanzmusik und Swing, kannten nur Hot und Sweet. Hot waren z.B. Titel wie „In The Mood“ oder „Cement Mixer“, Sweet hingegen „Sentimental Journey“ oder „Ganz leis erklingt Musik“. 

Doch nun zu den im Raum Görlitz ansässigen Kapellen, von denen mindestens drei das Niveau ihrer Kollegen von außerhalb erreichten. Hier muß vor allem das Hausorchester des Tanzlokals und Varie- tés „Zu den Zwei Linden“ in Rauschwalde genannt werden, ein Saalbau, der schon vor der Jahrhundertwende 1899/ 1900 als Etablissement „Zwei Linden“ ein beliebtes Ausflugs- und Vergnügungslokal war und nun eine Diskothek ist. Das Orchester war in den Nachkriegsjahren die einzige pro- fessionelle (kleine) Bigband in Görlitz, bestehend aus 2 Trompeten, 1 Posaune, 3 Saxophonen, Akkordeon, Klavier, Baß, Gitarre, Schlagzeug und dem Leiter Walter Übermuth, der die Band von 1945 bis 1948 dirigierte und häufig auch bei Tanz- musik als versierter Altsaxophonist und Klarinettist den Saxophonsatz verstärkte. Die Musiker waren keine reinen Jazzer, begleiteten aber präzise die Artisten und spielten zum Tanz flott und sauber die Erfolgsschlager der letzten 6-8 Jahre – auch neue Stücke, sofern man sie als Orchester-Ausgaben bekommen konnte. Aber das war sehr schwierig wegen der Papierknappheit. Der Pianist Kurt Hübel war ein gefragter Musiker.

Er spielte nebenbei auch in anderen Musikgruppen und leitete zeitweise auch eine Swing-Combo. Der Akkordeonist und Pianist Martin Viertel gründete später mit Erfolg seine eigene Band. Der 2. Trompe- ter gab auch Unterricht. Ich war einer seiner Trompetenschüler 1947/48. Der Schlagzeuger Fritz Gründer von der Leipziger Str. war ein guter Solist – eine Rarität damals! Wenn er bei „Barcelona“ den Rumba-Rhythmus schlug oder beim „Schwarzen Panther“ die beiden Schlag-  zeugsoli trommelte, eilte ich nach vorn, um ihm auf die Stöcke zu schauen. Der „Panther“, ein heißer, schneller Foxtrott, war damals bei uns ebenso beliebt wie „Chattanooga-Choo-Choo“ und „In The Mood“. Und so stand ich dann 1946 (als lerngieriger Jungschlagzeuger) mit etlichen anderen Swing-Heinis an der Absperrung, die das Orchester vom Publikum trennte.

Wir beobachteten, wie der Drummer sich schaffte und zappelten dabei mit dem ganzen Körper im Rhythmus. Bei dieser Musik vergaßen wir, in was für einer miesen Zeit wir lebten, daß wir dauernd hungerten, und daß die Zukunft ungewiß war, daß die Gerüchteküche im nun zweigeteilten Görlitz besonders stark brodelte, daß man in diesem harten Winter 1946/ 1947 wahnsinnig fror. Das Lokal war schlecht geheizt, es gab kaum Bier, den Bedienungen wurde pro Tag nur je eine halbe Flache Schnaps für ihre Gäste zugeteilt. So brachte sich mancher seinen eigenen Fusel mit und trank ihn heimlich. Wer dabei erwischt wurde, mußte das Lokal sofort verlassen. Nur ein undefinierbares „Heißgetränk“, ein rotes Gesöff, gab es reichlich. Manchmal wurde ein „Alkolat“ angeboten, das wohl ein oder zwei Tropfen Alkohol enthielt.

Sehr erfolgreich waren auch die „Görlitzer Jazz-Rhythmiker“ unter der Leitung des Trompeters Walter Sedlick von der Krölstr. Die Band bestand meist aus 8 Musikern (Trompete, 3 Saxophone und Rhythmusgruppe) und war bei der Jugend sehr beliebt. Sie spielte immer wieder in den namhaften Vergnügungslokalen, wie im „Resi“, im Stadthallengarten und bei der Wiedereröffnung des „Konzerthauses“  (Leipziger Str., inzwischen leider abgerissen) im Oktober 1946. Sedlick war einer der wenigen professionellen Bläser in Görlitz, die jazzig blasen konnten (später ging er als Musikal-Artist auf Reisen), und die Band swingte, was nach meiner Erinnerung an Sedlicks Bruder Adolf am Schlagzeug lag und an dem zeitweise mitspielenden Gitarristen Hannes Stelzer. Aber man war vielseitig und spielte auch Tangos und Walzer. 

Bei den kleinen Kapellen (man bezeichnet sie heute als Combo) in Görlitz war die „Benny-Band“ führend. Man konnte sie unter anderem in der „Fledermaus“ (Ecke Berliner Str. / Salomonstr.) hören. Unter den 5 Musikern war ein sehr guter Saxophonist und der eben genannte Hannes Stelzer, der hier auch sang. Sie spielten jazzige Tanzmusik – reine Jazzbands, die Tanzmusik ablehnten und nur Konzerte gaben, gab es damals bei uns noch nicht – und so kamen wir Swing-Heinis hierher zum Zuhören und nicht zum Tanzen. Ließ sich aber die Tanzerei nicht vermeiden, weil sonst die Mädchen wegliefen, so tanzten wir den Hibbel-Swing. Der war 1948 in Mode und hatte den Vorteil, daß man keine Tanzschritte lernen mußte – man strampelte nur mit den Beinen auf dem Parkett herum und bewegte ich kaum von der Stelle. Mit nur einem Bläser brauchte die „Benny-Band“ keine Orchester-Arrangements. Eine Klavierstimme, die leichter zu bekommen war, reichte aus. Oder man hörte sich ein Stück auf der Schallplatte solange an, bis man es auswendig spielen konnte. So waren die Musiker in der Lage, auch die neuesten Schlager der deutschen Nachwuchs-Komponisten zu bringen wie „Hallo kleines Fräulein“, „Gib mir einen Kuß durchs Telefon“ und die „Räuber-Ballade“, die der damals beliebte Schlagersänger Bully Buhlan schrieb. 

Zu erwähnen wäre noch das Hausorchester des Restaurants und Tanzlokals „Goldener Anker“ in Rauschwalde, dessen Besitzer Lenhart selbst Musiker war und die bis zu 10 Mann starke Kapelle leitete. Diese spielte nicht besonders modern oder gar jazzig, war aber sehr routiniert und vielseitig. Das war erforderlich, da in dem geschmackvoll eingerichteten Lokal neben normalen Tanzabenden auch oft geschlossene Veranstaltungen stattfanden, bei denen alles Mögliche gefeiert wurde. Da vergnügte ich mich bei einem Fest meiner Schulklasse und ertrug, weil ich einen Tanzkurs machen musste, zwei Bälle der Tanzschule Neumann-Henke. Dabei war ein konstanter präziser Rhythmus gefragt, und den brachte die Kapelle. Sie hatte auch sofort die neuesten Modetänze drauf, wie die Samba, die 1948 aus Südamerika kam und auch in Görlitz Jung und Alt auf die Tanzfläche lockte. 

Aber es gab auch „Alte-Herren-Kapellen“, die eine solide, jedoch recht lahme Tanzmusik aus den 30er und 40er Jahren dudelten. Man hörte sie z.B. im „Schweizerhof“ in Weinhübel und im „Kaiserhof“ (später „Görlitzer Hof“), Berliner Str. Diese Musik war nichts für Swinger – da gingen wir auch nicht hin. 

Bekannte Tanzlokale waren damals auch der „Burghof“ in Biesnitz, „Hotel Stadt Dresden“ am Bahnhof, das „Tivoli“ an der Promenade, „Café Roland in Weinhübel und „Kaffee Flora“, ein Tanzschuppen in Rauschwalde.

Die meisten Musiker, über die ich soeben schrieb, waren Profis. Nun noch ein paar Zeilen über den Nachwuchs. Im Vergleich zu heute waren es nicht viele, die ein Instrument lernen konnten und wollten. Das lag an den schwierigen Zeiten. Auch gab es noch keine Instrumente zu kaufen. Ich selbst hatte das Glück, daß ich eine elektrische Eisenbahn besaß und diese gegen eine gebrauchte Trompete tauschen konnte. Das Schlagzeug hatte ich mir vorher Stück für Stück mühsam zusammengeschachert. Aber dann entstand 1947 doch eine Bigband im Rahmen der FDJ, die sich Jugend-Tanzorchester Görlitz (JTG) nannte. Die musikalische Leitung hatte Hans Schulze, Sohn des Inhabers des „Konzerthauses“ in der Leipziger Straße. Er war sehr musikalisch, wurde später Profi und war u.a. Dirigent des Orchesters des Friedrichstadt-Palastes in Berlin. Als ich Mai-Dez. 1948 als Trompeter dabei war, bestand die Band aus 3 Trompetern, 3 Posaunisten, 4 Saxophonisten, je 1 Pianist, Bassist, Gitarrist und Schlagzeuger. Alle waren um die 18 Jahre jung. Die Beherrschung der Instrumente ließ noch manche Wünsche offen, doch wurde dieser Mangel weitgehend ausgeglichen durch die große Begeisterung, mit der wir swingten. Heute, 47 Jahre später (Beitrag entstand 1995), ist diese Begeisterung bei fast allen Jazzern von finanziellen Interessen verdrängt worden. 

Soweit ich mich erinnere, bekamen wir für die Auftritte kein Geld. Wenn wir auf dem Land spielten, gab es schon mal Bockwurst mit Kartoffelsalat – etwas ganz Besonderes in dieser Hungerzeit.

Wir spielten z.B. in einem Barackenlager auf der Reichertstraße für heimatvertrie-bene Schlesier (die mit unserer Musik nichts anfangen konnten) und auch in der Stadthalle bei Boxkampf-Turnieren sowie einem Kapellenwettstreit mit dem Jugend- tanzorchester aus Leisnig (den wir verlo- ren) anläßlich eines Tanzabends. Probe war jeden Sonntagvormittag im „Konzert- haus“. Danach machten wir manchmal eine Jam Session. Dabei entstand eine tolle Atmosphäre, besonders dann, wenn sich die Bläser mit ihren Improvisationen gegenseitig insprierten und zu übertreffen suchten. Gejazzt, besser gesagt, gehottet wurden Evergreens aus den 20er Jahren, wie „Lady Be Good“ und „Swee Sue“. Auch heute noch denke ich gern an diese Musik zurück, wenn ich mit meiner Swing-Combo solche Stücke blase. 

Zum Nachwuchs gehörte auch Wolfgang Lange von der Lessingstr., ein etwas schrulliger Einzelgänger. Er spielte Akkordeon, meist allein oder nur mit einem Schlagzeuger zusammen, war also einer der ersten Alleinunterhalter, wurde Profi und war später irgendwie ein Görlitzer Original. Ich kannte ihn von der Schule her – er mochte auch Swing, fummelte an Saxophon, Geige und Schlagzeug herum, war aber zu faul zum Üben. 1946 spielte er zum Wochenendtanz im „Kulmbacher Postillion“ in Biesnitz ländlich-sittlich mit 2 Musikern und seiner Mutter als Sängerin. Die alternde Dame sang z.B. „Ich tanze mit dir in den Himmel hinein“… es war grauenhaft! Aber Lange wußte halt schon, daß Musiker allein vom Jazz nicht leben können und sich nach dem Publikum richten müssen. 

Lange dichtete auch zuweilen. Zur Melodie der „Räuber-Ballade“ schrieb und sang er einen netten zeitkritischen Text: „Es war einmal ein Schieber, der ging zum schwarzen Markt…“ 

Einmal kam ich zu ihm, weil wir zusammen üben wollten, er Saxophon und ich an seinem Schlagzeug. Da zeigte er mir freudig seine mit vielen halbrunden Eisenblechen gepflasterten Schuhsohlen und sagte, er wolle nun Steptanz üben. Der wäre wieder modern, hatte er von Swing-Heinis gehört. Er traute sich wohl nicht, allein zu üben, denn ich sollte das mitma- chen. Ich war begeistert und ließ mir auch vom Schuster die Schuhe (meine einzigen) mit diesen Blechen beschlagen, die eigentlich dazu dienten, die Spitzen der Sohlen und Absätze vor Abnutzung zu schützen. Dann ging ich zu ihm, er legte eine Swingplatte aufs Grammophon, und wir versuchten, auf dem Steinfußboden der Küche zu steppen. Es dauerte nicht lange, da kam seine sonst singende Mutter schreiend herein und warf uns hinaus. Wir haben das Steppen dann schnell aufgegeben, es war zu mühsam…

Mühsam wurde ab 1948 auch das Swingen. Die neuen Machthaber lehnten den Jazz als „Ausgeburt des anglo-amerikanischen Imperialismus“ ab. Im Zeitungsbericht über unseren Kapellenwettstreit wurde gerügt, daß wir Tanzmusik „auf amerikanische Manier“ spielten und daß eine „gewisse kulturelle Note“ fehlte. Das war noch vergleichsweise gnädig ausgedrückt, da es sich um eine Veran- staltung der FDJ handelte. Im Radio nahmen Jazzsendungen rapide ab, amerikanische Titel mußten in deutscher Übersetzung angesagt und auch auf Schallplatten-Etiketten gedruckt werden (z.B. statt „American Patrol“ „Nächtliche Patrouille“). Schallplatten aus West- deutschland gab es nicht mehr. Die Sowjetisierung wurde auch im kulturellen Bereich verstärkt, die Zwangsmitgliedschaft in der FDJ für Amateurmusiker und im FDGB für Profis war lästig, und viele Musiker setzten sich in den Westen ab, sogar komplette Kapellen. (Später war Jazz zeitweise überhaupt verboten. Erst in den 70er Jahren kam eine Liberalisierung). So wurde der Swing bedeutungslos im Musikleben Ostdeutschlands und vegetierte nur noch in einer geglätteten deutschen Variante dahin. Auch in Görlitz, so daß mein Bericht mit dem Jahr 1949 endet. 

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Nachtrag: 

Bei Durchsicht dieses Berichtes fiel mir auf, daß es in Görlitz in jener Notzeit so viele Musiker gab, auch Amateure. Die meisten Männer waren ja noch in Gefan- genschaft, im Krieg umgekommen oder physisch nicht mehr in der Lage zu musizieren. Dennoch war in ca. 25 Lokalen regelmäßig Livemusik. Auch im Bereich der ernsten Musik tat sich viel. Z.B. hatte das Stadttheater 1946 bereits 40 Musiker und 32 Chorsänger, und in die Musik- schule gingen 150 Schüler (allerdings nur klassische Ausbildung). 

Den Grund dafür liefert ein Blick auf das kulturelle Geschehen in den vorangegan- genen Jahrzehnten in Görlitz. Hier hatte die Pflege von Instrumentalmusik und Chorgesang schon immer einen hohen Rang. Das Orchester des Stadttheaters erlangte in den 30er Jahren unter Generalmusikdirektor Walter Schartner ein beachtliches künstlerisches Niveau, trat auch in den Nachbarstädten auf und spielte in der Sommersaison immer als Kurorchester in Bad Flinsberg (heute Polen). Mit der Stadthalle hat Görlitz seit 1910 ein großes, vielseitig verwendbares Haus, das die Heimstatt der Schlesischen Musikfeste wurde, in dem das verstärkte Stadt- theater-Orchester Sinfoniekonzerte gab und bekannte Künstler von außerhalb sowie Stars von Film und Rundfunk auftra- ten. 1936 wurde der Heimatsender Görlitz in Betrieb genommen, der dem Reichs- sender Breslau angeschlossen war. Der Sendemast stand bei Reichenbach, die Senderäume befanden sich im Stände- haus an der Promenade. Bis Anfang 1945 hatten Görlitzer Musiker hier ein weiteres Betätigungsfeld. So hörte man z.B. öfter das Orchester des Stadttheaters, die Orchestergemeinschaft Görlitz und die Tanz- und Unterhaltungskapelle, die zuletzt von dem Geiger Willi Schneider vom Varieté „Zwei Linden“ geleitet wurde. Einen guten Ruf hatte (und hat) auch die Musikschule am Fischmarkt, die „Unterricht für Berufs- und Liebhaberausbildung in Gesang und allen Instrumentalfächern“ bot. Erwähnt sei noch, daß in Görlitz das Musikkorps des Inf.-Regiments 30 und ein Gau-Musikzug des RAD (Reichsar- beitsdienst) stationiert waren und 1942 das Luftwaffen-Musikkorps Gotha (in dem Walter Übermuth Klarinette blies) hierher verlagert wurde. Diese wurden bei Kriegs- ende aufgelöst, und manche Musiker blieben hier. Andere kamen mit den Flüchtlingen und Vertriebenen aus Schlesien und dem Sudetenland. 

So waren also, zusammen mit den „eigenen Gewächsen“ genug Musiker vorhan- den, und sie hatten in der Musikstadt Görlitz ein aufgeschlossenes Publikum, so daß hier nach dem Krieg schnell ein vielfältiges Musikleben entstand. Hinzu kam die große Freude der Menschen darüber, den fürchterlichen Krieg überlebt zu haben. Freude drückt sich gern in Musik aus. Ich glaube, daß diese Freude der Hauptgrund war dafür, daß der fröhlich-flotte Swing damals bei uns so beliebt wurde – und das nicht nur bei der Jugend.