Tanzorchester Eberhard Weise

Der Görlitzer Bassist Ulrich Türkowsky (✝ 2016) erinnert sich:

Sommer 1956, Jazz-Matinee mit der Eberhard-Weise-Combo im Görlitzer Kino Capitol. Ein Jahr darauf entschließen sich ehemalige Schüler der Musikschule Görlitz zur Gründung eines Jazzorchesters: Eberhard Weise, Richard Bergmann, Wolf Hudalla, Günter Kloß. Im Juni 1957 steht die erste Besetzung: 

ORCHESTER EBERHARD WEISE – GÖRLITZ 1957 

  • Eberhard Weise (ld, arr, tb, p) Ernst-Barlach-Theater Güstrow
  • Richard Bergmann (tb, p, arr) Kleist-Theater Frankfurt/Oder 
  • Henry Walter (tb, arr. p, viola) vom Volkstheater Rostock 
  • Wolfgang Schönfeld (tp, voc) vom Orchester Fritz Klose 
  • Ernst-Ludwig Petrowsky (as, ts, v) Musikhochschule Weimar
  • Günter Kloß (ts, cl) vom Orchester Fritz Klose 
  • Wolf Hudalla (bars, cl) vom Orchester Heinz Hänsch 
  • Ulrich Türkowsky (b, bjo) vom Orchester Max Reichelt 
  • Christian Stäber (dr) – Dixieland-Amateur aus Dresden 
  • Werner Naumann (voc) vom Kleist-Theater Frankfurt/Oder 

Hier finden sich 1957 Enthusiasten, die sichere Engagements sausen lassen, um Jazz spielen zu können. Und warum in Görlitz? Weil es hier etwas für DDR-Verhältnisse exotisches gibt: Einen jazzbegeisterten Kulturfunktionär namens Günter Rosal, der sich weniger um die kulturpolitische Linie schert, als vielmehr bestrebt ist, ein modernes Orchester zu etablieren, das neben Jazz jugendgemäße Musik spielt. Er ist es auch, der für alles das sorgt, was die Musiker brauchen, vom Probenraum über Wohnungen bis zu Arbeitsplätzen für die Frauen. 

Doch Jazz ist nicht ohne Risiken und Nebenwirkungen: 

Premiere des Weise-Orchesters am 31.Juli 1957 in Peitz: 
Wirt und Publikum in Erwartung von Tanz- und Stimmungsmusik bekommen West Coast, Cool Jazz und ein bisschen Dixieland zu hören. 

Ergebnis: Schock, alle Verträge gekündigt! 

Aber es gab auch Positives: „Sächsische Zeitung“ v. 5. 8.1957:

„…Kürzlich hatte ich Gelegenheit, das Jazz-Orchester Eberhard Weise zu hören und möchte deshalb nicht versäumen, an dieser Stelle Görlitz zu diesem Orchester zu beglückwünschen. Viele Städte der DDR werden die Neißestadt darum noch beneiden. Es ist erstaunlich, was die Musiker leisten. Jeder von ihnen ist ein überdurchschnittlich begabter Solist und Meister auf seinem Instrument. Im Vergleich auf nationaler Ebene kann man es unbedingt als ein Spitzorchester Deutschlands bezeichnen. Es spielt vornehmlich modernen Jazz, zeichnet sich aber vor anderen Orchestern dadurch aus, dass es auch Oldtime-Jazz vollkommen stilecht spielt, wobei die Betonung auf stilecht liegt. Sehr empfehlenswert wäre es, wenn man den Rundfunk und die Schallplattenindustrie darauf aufmerksam machen würde, damit in dieser Beziehung eine Belebung – vornehmlich auf dem Schallplattenmarkt – zu verzeichnen wäre. Ich spreche hiermit die Hoffnung aus, dass wir dieses Orchester bald über unseren Rundfunk hören können.“

Georg Nothdorf 
Solobassist am Volkstheater Rostock“

 

1958 kommen Werner „Bimbo“ Gasch (dr), Josef Maxim Tausch (bars) 

Zweiter – gravierender – Personalwechsel im April 1959: Günter Kloß, Josef Maxim Tausch, Ulrich Türkowsky und Werner Gasch steigen aus und gründen das Günter-Kloß-Quartett. 

Die große Zeit der Bigbands geht Anfang der 60er Jahre zu Ende. Die Besetzungen werden dem Zeitgeist folgend kleiner. Es wird immer schwerer, eine Bigband zu verkaufen. Die Entwicklung macht auch um die Görlitzer Band keinen Bogen.

Eberhard Weise spielt in wechselnder Besetzung, u.a. mit Klaus Lenz, noch bis 1961, dann geht er zum Rundfunktanzorchester Leipzig. Die Auflösung des Orchesters bedeutete aber nicht das Ende des Jazz in Görlitz – im Gegenteil. Das Fundament war gelegt für die in den 60er Jahren entstehende Jazz-Szene um das Manfred-Ludwig-Sextett.




Musikfachschule Görlitz

 

Die Görlitzer Musikschule in den 50ern und ihr Bezug zu Tanzmusik und Jazz

Erinnerungen eines Ehemaligen

Die genaue bzw. komplette Bezeichnung zu jener Zeit war „Musikschule Görlitz, Fachgrundschule für Musik“, eine Ganztagsschule, die im selben Gebäude wie heute auf dem Fischmarkt untergebracht war. Dazu gehörte ein Jungeninternat auf dem Obermarkt (damals Leninplatz) – die Mädchen waren privat untergebracht. 

Die Ausbildung begann in der Regel nach Abschluss der achten Volksschulklasse und konnte nach vier Jahren in ein Hochschulstudium münden. Ausnahmen bildeten nicht wenige Quereinsteiger, die 15- oder 16jährig von Privatmusikschulen, so genannten Stadtpfeifen kamen, welche 1950/51 vom Staat aufgelöst wurden.

Je nach Talent, Fleiß oder auch der Wahl des Instruments, konnte das angestrebte Ziel, z.B. das eines Orchestermusikers, schon in dieser Fachgrundschulzeit erreicht werden. Anstatt weiter zu studieren, absolvierten viele ein erfolgreiches Probespiel bei einem der Provinzorchester (die es zu DDR-Zeiten in großer Zahl gab), um gegebenfalls später in höherklassige Orchester zu wechseln. Schon während dieser Ausbildungszeit wurden gern Gelegenheiten wahrgenommen, aushilfsweise bei hiesigen Tanzkapellen mitzuspielen. Der Klarinettenschüler Wolf Hudalla stellte, sobald er ein Saxofon besaß, eine Band zusammen und organisierte Auftrittsmöglichkeiten in der näheren und weiteren Umgebung. Die damaligen Posaunenschüler und späteren Bigbandmusiker Eberhard Weise (als Pianist) und Richard Bergmann waren mit von der Partie und sorgten schon damals für die Arrangements.

Eberhard Weise (p) – später Rundfunk- Tanzorchester Leipzig
Wolf Hudalla (sax) – später Manfred-Ludwig- Oktett
Edgar Kühne (dr) – später Polizei-Orchester Dresden, † 2015
Harry Mantei (tp) – weiterer Berufsweg unbekannt
Heinz Seifert (tp) – später Landesbühnen Sachsen
Holm Hanisch (bass) – später Vogtland- Orchester
Richard Bergmann (tb) – später hr-Bigband
Johannes Benad (tb) – weiterer Berufsweg unbekannt

Üblicherweise wurde nur nach klassischen Regeln unterrichtet, was vielleicht bei einigen das Interesse für die als minderwertig geltende Tanz- und Jazzmusik erst recht wach rief. Einer von ihnen hatte ein Radio, an dem jeden Samstag eine Traube Begeisterter hing, die sich auf Titel wie Trumpet Blues, Fatman Boogie oder Stan Kentons Version vom September Song freuten, welche seinerzeit im RIAS (Rundfunk im amerikanischen Sektor) in der Sendung „Schlager der Woche“ (!) gespielt wurden.

Wir machen einen Sprung in das Jahr 1956, Eberhard Weise war inzwischen im Theaterorchester Güstrow und Richard Bergmann in Frankfurt/Oder, während Wolf Hudalla dem Nieskyer Tanzquintett angehörte. Die Verbindung riss nie ab, es reifte die Idee, eine Band zu gründen, der Kompetenteste sollte die Leitung übernehmen. Im Sommer 1957 war es soweit, das Orchester Eberhard Weise probte erstmalig in Görlitz, dem ausgewählten Standort. Zuvor musste allerdings die   Besetzung komplettiert werden, wobei Eberhard Weise den Saxophonisten Ernst-Ludwig “Luten“ Petrowsky sowie den Posaunisten Henry Walter, und Richard Bergmann den Bassisten/Gitarristen Uli Türkowsky und den Sänger Werner „Mac“ Naumann mitbrachten. Günter „Mosi“ Kloß (ts) und Wolfgang “Huber“ Schönfeld (tp) kamen vom Orchester Fritz Klose aus Sebnitz, der Schlagzeuger Werner “Bimbo“ Gasch stieß etwas später dazu. Die Arrangements für die ungewöhnliche Besetzung(3 Sax., 2 Pos., 1 Trp., Piano, Bass und Drums) schrieben Weise, Bergmann und Walter. Trotz aller guten Vorsätze und großem Enthusiasmus begann die Band bereits nach einem reichlichen Jahr zu bröckeln. Auf die Gründe wird hier nicht weiter eingegangen, sondern nur die Wege der drei Görlitzer Musikschüler, die sich für die „leichte“ Musik entschieden hatten, weiter verfolgt.

Richard Bergmann ging im Frühjahr 1959 in den Westen, wo er vier Jahre in verschiedenen kleineren Formationen spielte. Diese Bands hatten meist Monatsengagements in großen Städten oder in so genannten Amiclubs, die es in Süddeutschland zahlreich gab. Anfang 1964 bekam er ein Engagement im Tanzorchester des Hessischen Rundfunks, (damals noch unter der Leitung von Willy Berking), wo er 31 Jahre blieb.

Im Lauf der Zeit hatte sich das Orchester immer mehr dem Jazz zugewandt, so dass es (ebenso wie die WDR- und NDR-Tanzorchester) Anfang der 80er offiziell in „hr-Bigband“ umbenannt wurde. Richard Bergmann, der neben seiner Tätigkeit als Posaunist nach wie vor als Arrangeur tätig war, bekam jetzt zunehmend Gelegenheit auch für Jazzgrößen wie Randy Brekker, Michel Petrucciani, Ernie Watts, Eddie Daniels etc. zu schreiben, die bei der HR Big Band zu Gast waren. 2012 kehrte der inzwischen 77-jährige Richard Bergmann abermals (nunmehr vielleicht endgültig) nach Görlitz zurück.

Wolf Hudalla, der bis zur Auflösung des Eberhard Weise Orchesters dort verblieb, wechselte danach zum Orchester Max Reichelt, das seinen Standort in Eberswalde bei Berlin hatte, die Sommersaison aber als Kurorchester an der Ostsee verbrachte. 1963 ging er zum Orchester Fritz Klose nach Sebnitz, um nur kurze Zeit später die Stelle des ausscheidenden Manfred „Catcher“ Schulze im Manfred Ludwig Sextett zu übernehmen. Diese allseits beliebte Band, die sich sowohl im Tanz- und Showgeschäft, als auch bei Jazzveranstaltungen im In- und Ausland hervortat, behielt auch dann noch ihren Namen, als der zweite Namensgeber Ernst-Ludwig „Luten“ Petrowsky ausgeschieden war. Viele Gastspiele und Tourneen führte sie nicht nur in das sozialistische Ausland, sondern auch schon vor der „Wende“ nach Westdeutschland. Wolf Hudalla lebt als Ruheständler inzwischen wieder in seiner Heimatstadt Langebrück.

Eberhard Weise nahm 1961, in der Auflösungsphase seines Orchesters, ein Angebot vom Leiter des Rundfunktanzorchesters Leipzig, Walter Eichenberg, an und löste Günter Oppenheimer am Piano ab. Seine Arrangements waren auch hier sehr gefragt und so entstanden in den folgenden Jahren viele hunderte für Rundfunk, Fernsehen, Film und Schallplatte. Auch der Jazz kam letztendlich nicht zu kurz, denn mit dem später zum Rundfunktanzorchester Berlin gewechselten E. L. Petrowsky und weiteren Mitgliedern dieses Orchesters wurde das legendäre „Ensemble Studio 4“ ins Leben gerufen, das neben Rundfunk- und Schallplattenproduktionen auch öffentliche Auftritte in Ost und West bestritt, wie z.B. beim renommierten Jazzfestival in Montreaux. Nach der Pensionierung Walter Eichenbergs übernahm Eberhard Weise die Leitung des Leipziger Rundfunktanzorchesters, welches nach der Wende leider aufgelöst wurde. Danach betätigte er sich erfolgreich als Leiter von Projekten des Jugendjazzorchester Sachsen oder der überwiegend aus Gewandhausmusikern bestehenden German Philharmonic Big Band. Sowohl für diese Projekte, als auch für Auftritte oder CD-Produktionen mit Künstlern wie Manfred Krug, Uschi Brüning, E.L. Petrowsky, Jiggs Wigham etc. schrieb er viele Arrangements. Heute lebt Eberhard Weise zurückgezogen in einem Vorort von Leipzig.

Zumindest von zwei weiteren ehemaligen Görlitzer Musikschülern ist bekannt, dass sie in keinem der so genannten Kulturorchester landeten. Der Trompeter Horst Marschner spielte viele Jahre in den Oberlausitzer Tanzorchestern Friedrich Kremz und Astoria. Der Posaunist Günter Mehlich, der wie Richard Bergmann vor der „Mauer“ in den Westen ging, landete bei bei der Bundeswehr Big Band in Bremen.

Quelle: Richard Bergmann, Görlitz




Swing im Nachkriegs-Görlitz

Vorbemerkung:

Dieser Artikel stammt von Manfred Raupach, einem ehemaligen Görlitzer, der heute in Bad Wildungen lebt. Der Artikel war auf der inzwischen geschlossenen Website „Jazz-in-Goerlitz.de“ veröffentlicht. Da er lesenswert ist, übernehme ich ihn auf „Toplivebands.de“.

Klaus Herkner

 

* * *

Kürzlich hatte ich die Gelegenheit, bei der Jugend-Bigband der Görlitzer Musikschule ein kleines Gastspiel als Trompeter zu geben. Das erinnerte mich an die ersten Jahre nach dem 2. Weltkrieg, als der Swing auch in Görlitz sehr beliebt war und ich im Jugendtanzorchester Trompete blies. Darum schreibe ich auf, was sich in der 2. Hälfte der 40er Jahre in Görlitz auf dem Gebiet der leichten Muse abspielte.
– Manfred Raupach Bad Wildungen

Im Mai 1945 waren die zahlreichen Görlitzer Tanz- und Vergnügungslokale geschlossen, hatten aber alle den Krieg unbeschädigt überstanden und öffneten eines nach dem anderen bald wieder ihre Pforten. Schon im Herbst des gleichen Jahres starteten die „Scala“ (später „Karl-Marx-Klubhaus“, inzwischen abgerissen, heute Standort des „City-Center“) und „Zwei Linden“ ihre Varieté-Programme, und ab 1947 war in allen Musiklokalen außer der „Ressource“ wieder etwas los. Nur das Ballhaus „Endstation“ und das Tanz-Café „Ruhmeshalle“ waren jetzt unerreichbar, weil sie im polnisch gewor- denen Teil von Görlitz lagen.

Unterdessen waren moderne interna- tionale Tanzmusik und Jazz, die im Krieg nicht gespielt werden durften (Tanzen war ebenfalls verboten) auch in Görlitz hei- misch geworden. Vor allem der Swing, damals die im Jazz vorherrschende Stil- art, begeisterte uns Jugendliche. Die neue Musik war immer öfter im Radio zu hören (wenn man noch eines hatte), und ab Ende 1946 gab es wieder in be-schränktem Umfang Noten und Schall- platten. Besonders die neue Platten- marke „Amiga“ brachte die Erfolgsnummern der besten Berliner Bands. Auch gute Tanzorchester, die von außerhalb kamen, brachten moderne Schlager und heiße Musik nach Görlitz.

Auswärtige Kapellen gastierten z.B. in der „Scala“ (Struvestr.), im „Passagen-Café“ (Straßburg-Passage) und vor allem im „Resi“ (Obermarkt), das früher „Zum Mönch“ hieß. Es war ein kleines Tanzlokal, immer brechend voll, man trat sich gegenseitig auf die Füße, beim Tanzen kam man kaum von der Stelle – eine Nahkampfdiele, wie wir damals sagten. Hier war die Atmosphäre, in der Jazz gedeiht. Besonders gut erinnere ich mich an die „Harry-Harder-Combo“ vom Kurfürsten- damm Berlin, die irgendwann im Winter 1947/48 im „Resi“ engagiert war. Eine tolle Band – wenn sie „Hey-Ba-Be-Re-Ba“ hotteten oder den „Flat Foot Floogie“ swingten, schrien wir vor Begeisterung. Man nannte uns damals etwas verächtlich die Swing-Heinis. Wir wiederum nannten unsere Altersgenos- sen, die Schnulzen und lahme Schlager liebten (wie z.B. die „Caprifischer“), herablassend Tango-Jünglinge. Sie schmierten sich Pomade in die Haare, hatten lange Jacketts an und waren hinter allen Mädchen her. 

Diese Stenze zog es mehr in die „Scala“, in der sehr gute Tanzorchester spielten, wie z.B. „Harry Weissnicht“ vom „Luisenhof“ Dresden-Weißer Hirsch. Hier machte man auf vornehm. Die Preise waren hoch, und es herrschte Krawattenzwang. Wer ohne Schlips kam, wurde nur eingelassen, wenn er sich an der Garderobe einen auslieh gegen Hinterlegung eines Pfandes. Solchen Firlefanz mochten wir nicht und gingen dort kaum hin. 

Da war das „Passage-Café“ (Ecke Straßburg-Passage/Jakobstr.) für uns attraktiver. Hier war z.B. „Edi Thum mit seinen Swing-Rhythmikern“ aus Weimar mehrmals engagiert. Die Kapelle spielte unten, wir saßen meist oben auf der Empore, wo man ungestört war. Wer guten Swing hören, ein Mädel aufgabeln oder seine Freundin ausführen wollte, kam hier ebenso auf seine Kosten, wie die Tanz- wütigen. Ohnehin machten wir damals keinen Unterschied zwischen moderner Tanzmusik und Swing, kannten nur Hot und Sweet. Hot waren z.B. Titel wie „In The Mood“ oder „Cement Mixer“, Sweet hingegen „Sentimental Journey“ oder „Ganz leis erklingt Musik“. 

Doch nun zu den im Raum Görlitz ansässigen Kapellen, von denen mindestens drei das Niveau ihrer Kollegen von außerhalb erreichten. Hier muß vor allem das Hausorchester des Tanzlokals und Varie- tés „Zu den Zwei Linden“ in Rauschwalde genannt werden, ein Saalbau, der schon vor der Jahrhundertwende 1899/ 1900 als Etablissement „Zwei Linden“ ein beliebtes Ausflugs- und Vergnügungslokal war und nun eine Diskothek ist. Das Orchester war in den Nachkriegsjahren die einzige pro- fessionelle (kleine) Bigband in Görlitz, bestehend aus 2 Trompeten, 1 Posaune, 3 Saxophonen, Akkordeon, Klavier, Baß, Gitarre, Schlagzeug und dem Leiter Walter Übermuth, der die Band von 1945 bis 1948 dirigierte und häufig auch bei Tanz- musik als versierter Altsaxophonist und Klarinettist den Saxophonsatz verstärkte. Die Musiker waren keine reinen Jazzer, begleiteten aber präzise die Artisten und spielten zum Tanz flott und sauber die Erfolgsschlager der letzten 6-8 Jahre – auch neue Stücke, sofern man sie als Orchester-Ausgaben bekommen konnte. Aber das war sehr schwierig wegen der Papierknappheit. Der Pianist Kurt Hübel war ein gefragter Musiker.

Er spielte nebenbei auch in anderen Musikgruppen und leitete zeitweise auch eine Swing-Combo. Der Akkordeonist und Pianist Martin Viertel gründete später mit Erfolg seine eigene Band. Der 2. Trompe- ter gab auch Unterricht. Ich war einer seiner Trompetenschüler 1947/48. Der Schlagzeuger Fritz Gründer von der Leipziger Str. war ein guter Solist – eine Rarität damals! Wenn er bei „Barcelona“ den Rumba-Rhythmus schlug oder beim „Schwarzen Panther“ die beiden Schlag-  zeugsoli trommelte, eilte ich nach vorn, um ihm auf die Stöcke zu schauen. Der „Panther“, ein heißer, schneller Foxtrott, war damals bei uns ebenso beliebt wie „Chattanooga-Choo-Choo“ und „In The Mood“. Und so stand ich dann 1946 (als lerngieriger Jungschlagzeuger) mit etlichen anderen Swing-Heinis an der Absperrung, die das Orchester vom Publikum trennte.

Wir beobachteten, wie der Drummer sich schaffte und zappelten dabei mit dem ganzen Körper im Rhythmus. Bei dieser Musik vergaßen wir, in was für einer miesen Zeit wir lebten, daß wir dauernd hungerten, und daß die Zukunft ungewiß war, daß die Gerüchteküche im nun zweigeteilten Görlitz besonders stark brodelte, daß man in diesem harten Winter 1946/ 1947 wahnsinnig fror. Das Lokal war schlecht geheizt, es gab kaum Bier, den Bedienungen wurde pro Tag nur je eine halbe Flache Schnaps für ihre Gäste zugeteilt. So brachte sich mancher seinen eigenen Fusel mit und trank ihn heimlich. Wer dabei erwischt wurde, mußte das Lokal sofort verlassen. Nur ein undefinierbares „Heißgetränk“, ein rotes Gesöff, gab es reichlich. Manchmal wurde ein „Alkolat“ angeboten, das wohl ein oder zwei Tropfen Alkohol enthielt.

Sehr erfolgreich waren auch die „Görlitzer Jazz-Rhythmiker“ unter der Leitung des Trompeters Walter Sedlick von der Krölstr. Die Band bestand meist aus 8 Musikern (Trompete, 3 Saxophone und Rhythmusgruppe) und war bei der Jugend sehr beliebt. Sie spielte immer wieder in den namhaften Vergnügungslokalen, wie im „Resi“, im Stadthallengarten und bei der Wiedereröffnung des „Konzerthauses“  (Leipziger Str., inzwischen leider abgerissen) im Oktober 1946. Sedlick war einer der wenigen professionellen Bläser in Görlitz, die jazzig blasen konnten (später ging er als Musikal-Artist auf Reisen), und die Band swingte, was nach meiner Erinnerung an Sedlicks Bruder Adolf am Schlagzeug lag und an dem zeitweise mitspielenden Gitarristen Hannes Stelzer. Aber man war vielseitig und spielte auch Tangos und Walzer. 

Bei den kleinen Kapellen (man bezeichnet sie heute als Combo) in Görlitz war die „Benny-Band“ führend. Man konnte sie unter anderem in der „Fledermaus“ (Ecke Berliner Str. / Salomonstr.) hören. Unter den 5 Musikern war ein sehr guter Saxophonist und der eben genannte Hannes Stelzer, der hier auch sang. Sie spielten jazzige Tanzmusik – reine Jazzbands, die Tanzmusik ablehnten und nur Konzerte gaben, gab es damals bei uns noch nicht – und so kamen wir Swing-Heinis hierher zum Zuhören und nicht zum Tanzen. Ließ sich aber die Tanzerei nicht vermeiden, weil sonst die Mädchen wegliefen, so tanzten wir den Hibbel-Swing. Der war 1948 in Mode und hatte den Vorteil, daß man keine Tanzschritte lernen mußte – man strampelte nur mit den Beinen auf dem Parkett herum und bewegte ich kaum von der Stelle. Mit nur einem Bläser brauchte die „Benny-Band“ keine Orchester-Arrangements. Eine Klavierstimme, die leichter zu bekommen war, reichte aus. Oder man hörte sich ein Stück auf der Schallplatte solange an, bis man es auswendig spielen konnte. So waren die Musiker in der Lage, auch die neuesten Schlager der deutschen Nachwuchs-Komponisten zu bringen wie „Hallo kleines Fräulein“, „Gib mir einen Kuß durchs Telefon“ und die „Räuber-Ballade“, die der damals beliebte Schlagersänger Bully Buhlan schrieb. 

Zu erwähnen wäre noch das Hausorchester des Restaurants und Tanzlokals „Goldener Anker“ in Rauschwalde, dessen Besitzer Lenhart selbst Musiker war und die bis zu 10 Mann starke Kapelle leitete. Diese spielte nicht besonders modern oder gar jazzig, war aber sehr routiniert und vielseitig. Das war erforderlich, da in dem geschmackvoll eingerichteten Lokal neben normalen Tanzabenden auch oft geschlossene Veranstaltungen stattfanden, bei denen alles Mögliche gefeiert wurde. Da vergnügte ich mich bei einem Fest meiner Schulklasse und ertrug, weil ich einen Tanzkurs machen musste, zwei Bälle der Tanzschule Neumann-Henke. Dabei war ein konstanter präziser Rhythmus gefragt, und den brachte die Kapelle. Sie hatte auch sofort die neuesten Modetänze drauf, wie die Samba, die 1948 aus Südamerika kam und auch in Görlitz Jung und Alt auf die Tanzfläche lockte. 

Aber es gab auch „Alte-Herren-Kapellen“, die eine solide, jedoch recht lahme Tanzmusik aus den 30er und 40er Jahren dudelten. Man hörte sie z.B. im „Schweizerhof“ in Weinhübel und im „Kaiserhof“ (später „Görlitzer Hof“), Berliner Str. Diese Musik war nichts für Swinger – da gingen wir auch nicht hin. 

Bekannte Tanzlokale waren damals auch der „Burghof“ in Biesnitz, „Hotel Stadt Dresden“ am Bahnhof, das „Tivoli“ an der Promenade, „Café Roland in Weinhübel und „Kaffee Flora“, ein Tanzschuppen in Rauschwalde.

Die meisten Musiker, über die ich soeben schrieb, waren Profis. Nun noch ein paar Zeilen über den Nachwuchs. Im Vergleich zu heute waren es nicht viele, die ein Instrument lernen konnten und wollten. Das lag an den schwierigen Zeiten. Auch gab es noch keine Instrumente zu kaufen. Ich selbst hatte das Glück, daß ich eine elektrische Eisenbahn besaß und diese gegen eine gebrauchte Trompete tauschen konnte. Das Schlagzeug hatte ich mir vorher Stück für Stück mühsam zusammengeschachert. Aber dann entstand 1947 doch eine Bigband im Rahmen der FDJ, die sich Jugend-Tanzorchester Görlitz (JTG) nannte. Die musikalische Leitung hatte Hans Schulze, Sohn des Inhabers des „Konzerthauses“ in der Leipziger Straße. Er war sehr musikalisch, wurde später Profi und war u.a. Dirigent des Orchesters des Friedrichstadt-Palastes in Berlin. Als ich Mai-Dez. 1948 als Trompeter dabei war, bestand die Band aus 3 Trompetern, 3 Posaunisten, 4 Saxophonisten, je 1 Pianist, Bassist, Gitarrist und Schlagzeuger. Alle waren um die 18 Jahre jung. Die Beherrschung der Instrumente ließ noch manche Wünsche offen, doch wurde dieser Mangel weitgehend ausgeglichen durch die große Begeisterung, mit der wir swingten. Heute, 47 Jahre später (Beitrag entstand 1995), ist diese Begeisterung bei fast allen Jazzern von finanziellen Interessen verdrängt worden. 

Soweit ich mich erinnere, bekamen wir für die Auftritte kein Geld. Wenn wir auf dem Land spielten, gab es schon mal Bockwurst mit Kartoffelsalat – etwas ganz Besonderes in dieser Hungerzeit.

Wir spielten z.B. in einem Barackenlager auf der Reichertstraße für heimatvertrie-bene Schlesier (die mit unserer Musik nichts anfangen konnten) und auch in der Stadthalle bei Boxkampf-Turnieren sowie einem Kapellenwettstreit mit dem Jugend- tanzorchester aus Leisnig (den wir verlo- ren) anläßlich eines Tanzabends. Probe war jeden Sonntagvormittag im „Konzert- haus“. Danach machten wir manchmal eine Jam Session. Dabei entstand eine tolle Atmosphäre, besonders dann, wenn sich die Bläser mit ihren Improvisationen gegenseitig insprierten und zu übertreffen suchten. Gejazzt, besser gesagt, gehottet wurden Evergreens aus den 20er Jahren, wie „Lady Be Good“ und „Swee Sue“. Auch heute noch denke ich gern an diese Musik zurück, wenn ich mit meiner Swing-Combo solche Stücke blase. 

Zum Nachwuchs gehörte auch Wolfgang Lange von der Lessingstr., ein etwas schrulliger Einzelgänger. Er spielte Akkordeon, meist allein oder nur mit einem Schlagzeuger zusammen, war also einer der ersten Alleinunterhalter, wurde Profi und war später irgendwie ein Görlitzer Original. Ich kannte ihn von der Schule her – er mochte auch Swing, fummelte an Saxophon, Geige und Schlagzeug herum, war aber zu faul zum Üben. 1946 spielte er zum Wochenendtanz im „Kulmbacher Postillion“ in Biesnitz ländlich-sittlich mit 2 Musikern und seiner Mutter als Sängerin. Die alternde Dame sang z.B. „Ich tanze mit dir in den Himmel hinein“… es war grauenhaft! Aber Lange wußte halt schon, daß Musiker allein vom Jazz nicht leben können und sich nach dem Publikum richten müssen. 

Lange dichtete auch zuweilen. Zur Melodie der „Räuber-Ballade“ schrieb und sang er einen netten zeitkritischen Text: „Es war einmal ein Schieber, der ging zum schwarzen Markt…“ 

Einmal kam ich zu ihm, weil wir zusammen üben wollten, er Saxophon und ich an seinem Schlagzeug. Da zeigte er mir freudig seine mit vielen halbrunden Eisenblechen gepflasterten Schuhsohlen und sagte, er wolle nun Steptanz üben. Der wäre wieder modern, hatte er von Swing-Heinis gehört. Er traute sich wohl nicht, allein zu üben, denn ich sollte das mitma- chen. Ich war begeistert und ließ mir auch vom Schuster die Schuhe (meine einzigen) mit diesen Blechen beschlagen, die eigentlich dazu dienten, die Spitzen der Sohlen und Absätze vor Abnutzung zu schützen. Dann ging ich zu ihm, er legte eine Swingplatte aufs Grammophon, und wir versuchten, auf dem Steinfußboden der Küche zu steppen. Es dauerte nicht lange, da kam seine sonst singende Mutter schreiend herein und warf uns hinaus. Wir haben das Steppen dann schnell aufgegeben, es war zu mühsam…

Mühsam wurde ab 1948 auch das Swingen. Die neuen Machthaber lehnten den Jazz als „Ausgeburt des anglo-amerikanischen Imperialismus“ ab. Im Zeitungsbericht über unseren Kapellenwettstreit wurde gerügt, daß wir Tanzmusik „auf amerikanische Manier“ spielten und daß eine „gewisse kulturelle Note“ fehlte. Das war noch vergleichsweise gnädig ausgedrückt, da es sich um eine Veran- staltung der FDJ handelte. Im Radio nahmen Jazzsendungen rapide ab, amerikanische Titel mußten in deutscher Übersetzung angesagt und auch auf Schallplatten-Etiketten gedruckt werden (z.B. statt „American Patrol“ „Nächtliche Patrouille“). Schallplatten aus West- deutschland gab es nicht mehr. Die Sowjetisierung wurde auch im kulturellen Bereich verstärkt, die Zwangsmitgliedschaft in der FDJ für Amateurmusiker und im FDGB für Profis war lästig, und viele Musiker setzten sich in den Westen ab, sogar komplette Kapellen. (Später war Jazz zeitweise überhaupt verboten. Erst in den 70er Jahren kam eine Liberalisierung). So wurde der Swing bedeutungslos im Musikleben Ostdeutschlands und vegetierte nur noch in einer geglätteten deutschen Variante dahin. Auch in Görlitz, so daß mein Bericht mit dem Jahr 1949 endet. 

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Nachtrag: 

Bei Durchsicht dieses Berichtes fiel mir auf, daß es in Görlitz in jener Notzeit so viele Musiker gab, auch Amateure. Die meisten Männer waren ja noch in Gefan- genschaft, im Krieg umgekommen oder physisch nicht mehr in der Lage zu musizieren. Dennoch war in ca. 25 Lokalen regelmäßig Livemusik. Auch im Bereich der ernsten Musik tat sich viel. Z.B. hatte das Stadttheater 1946 bereits 40 Musiker und 32 Chorsänger, und in die Musik- schule gingen 150 Schüler (allerdings nur klassische Ausbildung). 

Den Grund dafür liefert ein Blick auf das kulturelle Geschehen in den vorangegan- genen Jahrzehnten in Görlitz. Hier hatte die Pflege von Instrumentalmusik und Chorgesang schon immer einen hohen Rang. Das Orchester des Stadttheaters erlangte in den 30er Jahren unter Generalmusikdirektor Walter Schartner ein beachtliches künstlerisches Niveau, trat auch in den Nachbarstädten auf und spielte in der Sommersaison immer als Kurorchester in Bad Flinsberg (heute Polen). Mit der Stadthalle hat Görlitz seit 1910 ein großes, vielseitig verwendbares Haus, das die Heimstatt der Schlesischen Musikfeste wurde, in dem das verstärkte Stadt- theater-Orchester Sinfoniekonzerte gab und bekannte Künstler von außerhalb sowie Stars von Film und Rundfunk auftra- ten. 1936 wurde der Heimatsender Görlitz in Betrieb genommen, der dem Reichs- sender Breslau angeschlossen war. Der Sendemast stand bei Reichenbach, die Senderäume befanden sich im Stände- haus an der Promenade. Bis Anfang 1945 hatten Görlitzer Musiker hier ein weiteres Betätigungsfeld. So hörte man z.B. öfter das Orchester des Stadttheaters, die Orchestergemeinschaft Görlitz und die Tanz- und Unterhaltungskapelle, die zuletzt von dem Geiger Willi Schneider vom Varieté „Zwei Linden“ geleitet wurde. Einen guten Ruf hatte (und hat) auch die Musikschule am Fischmarkt, die „Unterricht für Berufs- und Liebhaberausbildung in Gesang und allen Instrumentalfächern“ bot. Erwähnt sei noch, daß in Görlitz das Musikkorps des Inf.-Regiments 30 und ein Gau-Musikzug des RAD (Reichsar- beitsdienst) stationiert waren und 1942 das Luftwaffen-Musikkorps Gotha (in dem Walter Übermuth Klarinette blies) hierher verlagert wurde. Diese wurden bei Kriegs- ende aufgelöst, und manche Musiker blieben hier. Andere kamen mit den Flüchtlingen und Vertriebenen aus Schlesien und dem Sudetenland. 

So waren also, zusammen mit den „eigenen Gewächsen“ genug Musiker vorhan- den, und sie hatten in der Musikstadt Görlitz ein aufgeschlossenes Publikum, so daß hier nach dem Krieg schnell ein vielfältiges Musikleben entstand. Hinzu kam die große Freude der Menschen darüber, den fürchterlichen Krieg überlebt zu haben. Freude drückt sich gern in Musik aus. Ich glaube, daß diese Freude der Hauptgrund war dafür, daß der fröhlich-flotte Swing damals bei uns so beliebt wurde – und das nicht nur bei der Jugend.