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Musikfachschule Görlitz

13 Apr 2013

Musikfachschule Görlitz

Veröffentlicht von mit 2 Kommentaren in Rückblick

 

Die Görlitzer Musikschule in den 50ern und ihr Bezug zu Tanzmusik und Jazz

Erinnerungen eines Ehemaligen

Die genaue bzw. komplette Bezeichnung zu jener Zeit war „Musikschule Görlitz, Fachgrundschule für Musik“, eine Ganztagsschule, die im selben Gebäude wie heute auf dem Fischmarkt untergebracht war. Dazu gehörte ein Jungeninternat auf dem Obermarkt (damals Leninplatz) – die Mädchen waren privat untergebracht. 

Die Ausbildung begann in der Regel nach Abschluss der achten Volksschulklasse und konnte nach vier Jahren in ein Hochschulstudium münden. Ausnahmen bildeten nicht wenige Quereinsteiger, die 15- oder 16jährig von Privatmusikschulen, so genannten Stadtpfeifen kamen, welche 1950/51 vom Staat aufgelöst wurden.

Je nach Talent, Fleiß oder auch der Wahl des Instruments, konnte das angestrebte Ziel, z.B. das eines Orchestermusikers, schon in dieser Fachgrundschulzeit erreicht werden. Anstatt weiter zu studieren, absolvierten viele ein erfolgreiches Probespiel bei einem der Provinzorchester (die es zu DDR-Zeiten in großer Zahl gab), um gegebenfalls später in höherklassige Orchester zu wechseln. Schon während dieser Ausbildungszeit wurden gern Gelegenheiten wahrgenommen, aushilfsweise bei hiesigen Tanzkapellen mitzuspielen. Der Klarinettenschüler Wolf Hudalla stellte, sobald er ein Saxofon besaß, eine Band zusammen und organisierte Auftrittsmöglichkeiten in der näheren und weiteren Umgebung. Die damaligen Posaunenschüler und späteren Bigbandmusiker Eberhard Weise (als Pianist) und Richard Bergmann waren mit von der Partie und sorgten schon damals für die Arrangements.

Eberhard Weise (p) – später Rundfunk- Tanzorchester Leipzig
Wolf Hudalla (sax) – später Manfred-Ludwig- Oktett
Edgar Kühne (dr) – später Polizei-Orchester Dresden, † 2015
Harry Mantei (tp) – weiterer Berufsweg unbekannt
Heinz Seifert (tp) – später Landesbühnen Sachsen
Holm Hanisch (bass) – später Vogtland- Orchester
Richard Bergmann (tb) – später hr-Bigband
Johannes Benad (tb) – weiterer Berufsweg unbekannt

Üblicherweise wurde nur nach klassischen Regeln unterrichtet, was vielleicht bei einigen das Interesse für die als minderwertig geltende Tanz- und Jazzmusik erst recht wach rief. Einer von ihnen hatte ein Radio, an dem jeden Samstag eine Traube Begeisterter hing, die sich auf Titel wie Trumpet Blues, Fatman Boogie oder Stan Kentons Version vom September Song freuten, welche seinerzeit im RIAS (Rundfunk im amerikanischen Sektor) in der Sendung „Schlager der Woche“ (!) gespielt wurden.

Wir machen einen Sprung in das Jahr 1956, Eberhard Weise war inzwischen im Theaterorchester Güstrow und Richard Bergmann in Frankfurt/Oder, während Wolf Hudalla dem Nieskyer Tanzquintett angehörte. Die Verbindung riss nie ab, es reifte die Idee, eine Band zu gründen, der Kompetenteste sollte die Leitung übernehmen. Im Sommer 1957 war es soweit, das Orchester Eberhard Weise probte erstmalig in Görlitz, dem ausgewählten Standort. Zuvor musste allerdings die   Besetzung komplettiert werden, wobei Eberhard Weise den Saxophonisten Ernst-Ludwig “Luten“ Petrowsky sowie den Posaunisten Henry Walter, und Richard Bergmann den Bassisten/Gitarristen Uli Türkowsky und den Sänger Werner „Mac“ Naumann mitbrachten. Günter „Mosi“ Kloß (ts) und Wolfgang “Huber“ Schönfeld (tp) kamen vom Orchester Fritz Klose aus Sebnitz, der Schlagzeuger Werner “Bimbo“ Gasch stieß etwas später dazu. Die Arrangements für die ungewöhnliche Besetzung(3 Sax., 2 Pos., 1 Trp., Piano, Bass und Drums) schrieben Weise, Bergmann und Walter. Trotz aller guten Vorsätze und großem Enthusiasmus begann die Band bereits nach einem reichlichen Jahr zu bröckeln. Auf die Gründe wird hier nicht weiter eingegangen, sondern nur die Wege der drei Görlitzer Musikschüler, die sich für die „leichte“ Musik entschieden hatten, weiter verfolgt.

Richard Bergmann ging im Frühjahr 1959 in den Westen, wo er vier Jahre in verschiedenen kleineren Formationen spielte. Diese Bands hatten meist Monatsengagements in großen Städten oder in so genannten Amiclubs, die es in Süddeutschland zahlreich gab. Anfang 1964 bekam er ein Engagement im Tanzorchester des Hessischen Rundfunks, (damals noch unter der Leitung von Willy Berking), wo er 31 Jahre blieb.

Im Lauf der Zeit hatte sich das Orchester immer mehr dem Jazz zugewandt, so dass es (ebenso wie die WDR- und NDR-Tanzorchester) Anfang der 80er offiziell in „hr-Bigband“ umbenannt wurde. Richard Bergmann, der neben seiner Tätigkeit als Posaunist nach wie vor als Arrangeur tätig war, bekam jetzt zunehmend Gelegenheit auch für Jazzgrößen wie Randy Brekker, Michel Petrucciani, Ernie Watts, Eddie Daniels etc. zu schreiben, die bei der HR Big Band zu Gast waren. 2012 kehrte der inzwischen 77-jährige Richard Bergmann abermals (nunmehr vielleicht endgültig) nach Görlitz zurück.

Wolf Hudalla, der bis zur Auflösung des Eberhard Weise Orchesters dort verblieb, wechselte danach zum Orchester Max Reichelt, das seinen Standort in Eberswalde bei Berlin hatte, die Sommersaison aber als Kurorchester an der Ostsee verbrachte. 1963 ging er zum Orchester Fritz Klose nach Sebnitz, um nur kurze Zeit später die Stelle des ausscheidenden Manfred „Catcher“ Schulze im Manfred Ludwig Sextett zu übernehmen. Diese allseits beliebte Band, die sich sowohl im Tanz- und Showgeschäft, als auch bei Jazzveranstaltungen im In- und Ausland hervortat, behielt auch dann noch ihren Namen, als der zweite Namensgeber Ernst-Ludwig „Luten“ Petrowsky ausgeschieden war. Viele Gastspiele und Tourneen führte sie nicht nur in das sozialistische Ausland, sondern auch schon vor der „Wende“ nach Westdeutschland. Wolf Hudalla lebt als Ruheständler inzwischen wieder in seiner Heimatstadt Langebrück.

Eberhard Weise nahm 1961, in der Auflösungsphase seines Orchesters, ein Angebot vom Leiter des Rundfunktanzorchesters Leipzig, Walter Eichenberg, an und löste Günter Oppenheimer am Piano ab. Seine Arrangements waren auch hier sehr gefragt und so entstanden in den folgenden Jahren viele hunderte für Rundfunk, Fernsehen, Film und Schallplatte. Auch der Jazz kam letztendlich nicht zu kurz, denn mit dem später zum Rundfunktanzorchester Berlin gewechselten E. L. Petrowsky und weiteren Mitgliedern dieses Orchesters wurde das legendäre „Ensemble Studio 4“ ins Leben gerufen, das neben Rundfunk- und Schallplattenproduktionen auch öffentliche Auftritte in Ost und West bestritt, wie z.B. beim renommierten Jazzfestival in Montreaux. Nach der Pensionierung Walter Eichenbergs übernahm Eberhard Weise die Leitung des Leipziger Rundfunktanzorchesters, welches nach der Wende leider aufgelöst wurde. Danach betätigte er sich erfolgreich als Leiter von Projekten des Jugendjazzorchester Sachsen oder der überwiegend aus Gewandhausmusikern bestehenden German Philharmonic Big Band. Sowohl für diese Projekte, als auch für Auftritte oder CD-Produktionen mit Künstlern wie Manfred Krug, Uschi Brüning, E.L. Petrowsky, Jiggs Wigham etc. schrieb er viele Arrangements. Heute lebt Eberhard Weise zurückgezogen in einem Vorort von Leipzig.

Zumindest von zwei weiteren ehemaligen Görlitzer Musikschülern ist bekannt, dass sie in keinem der so genannten Kulturorchester landeten. Der Trompeter Horst Marschner spielte viele Jahre in den Oberlausitzer Tanzorchestern Friedrich Kremz und Astoria. Der Posaunist Günter Mehlich, der wie Richard Bergmann vor der „Mauer“ in den Westen ging, landete bei bei der Bundeswehr Big Band in Bremen.

Quelle: Richard Bergmann, Görlitz

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2 Kommentare
  • Maria-Sabine Dose sagt:

    Guten Tag liebe Mitarbeiter / innen,
    Gerade eben bin ich auf ihre Sieten gestoßen.
    Ja leider aus traurigem Anlass. Mein Vater , Helmut Heinz Seifert , ist am 30. Januar 2017, im Alter von 83. Lebensjahr von uns gegangen. Mit Musik war sein ganzen Berufsleben ausgefüllt. Angefangen im Kleisttheater Frankfurt an der Oder, wo er seine ersten Jahre als Berufsmusiker mit Erfahrungen füllte, zog es ihn dennoch immer Gedanklich nach Dresden ans Schauspielhaus oder die Landesbühnen . Nach Jahren des Wartens und Bewerben , klappte es endlich.
    Hat Er ja bis zur Rente als Trompetet, ian den Landesbühnen Sachsen, und immer wieder in der Blasmusikkapelle unter Leitung von Winfried, genannt, Willy , Jahrzehntelang gespielt. Ebenfalls gehörte zum Orchesterdienst die vielen unzähligen Vorstellungen, vom Schauspiel angefangen, bis zu konzertanten Aufführungen in der Felsenbühne Rathen. Ein Segen und eine Freude für mich, mal ebenfalls mit auf der Bühne zu stehen , im Oratoriumchor, die Singakademie Dresden, wo ich zehn Jahre als Sopranstin mitwirkte. Später , zum sogenannten Abtrainieren, waren „Muken“ auf vielen Friedhöfen , nah und Fern, sein Wirkungsfeld.
    Es gäbe noch viel zu erzählen.

    Mein Wunsch ist jedoch , falls Sie die Möglichkeit und Zeit haben , der Recherchen, über meinen Vater, entsprechendes Material zu finden, welches mir und meiner Familei bei der Aufarbeitung seines Musikerschaffens , weiter helfen könnte.
    Mit freundlichen Grüßen und auf eine Rückantwort wartent, grüßt Frau Dose aus Dresden.
    Vielen herzlichen Dank für Ihre Mühen

    Ja , ich traute meinen Augen nicht, ihn jetzt hier auf den Seiten ihrer Hompage auf Fotos wieder zu entdecken. Ich freue mich riesig , denn bin grad auf der Suche nach Foto, Bild und Urkundenmaterial aus seinem Musikerleben.

    Meine Adresse lautet
    Frau Dose
    Friedrich-Wieck- Straße 15
    01326 Dresden
    Tel. 0351/2188842

  • Klaus Herkner sagt:

    Hallo Frau Dose,

    danke für Ihre Zuschrift, die ich an ehemalige Mitschüler Ihres Vaters weitergeleitet habe.

    Beste Grüße

    Klaus Herkner

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