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Swing im Nachkriegs-Görlitz

13 Mrz 2013

Swing im Nachkriegs-Görlitz

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Vorbemerkung:

Dieser Artikel stammt von Manfred Raupach, einem ehemaligen Görlitzer, der heute in Bad Wildungen lebt. Der Artikel war auf der inzwischen geschlossenen Website „Jazz-in-Goerlitz.de“ veröffentlicht. Da er lesenswert ist, übernehme ich ihn auf „Toplivebands.de“.

Klaus Herkner

 

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Kürzlich hatte ich die Gelegenheit, bei der Jugend-Bigband der Görlitzer Musikschule ein kleines Gastspiel als Trompeter zu geben. Das erinnerte mich an die ersten Jahre nach dem 2. Weltkrieg, als der Swing auch in Görlitz sehr beliebt war und ich im Jugendtanzorchester Trompete blies. Darum schreibe ich auf, was sich in der 2. Hälfte der 40er Jahre in Görlitz auf dem Gebiet der leichten Muse abspielte.
– Manfred Raupach Bad Wildungen

Im Mai 1945 waren die zahlreichen Görlitzer Tanz- und Vergnügungslokale geschlossen, hatten aber alle den Krieg unbeschädigt überstanden und öffneten eines nach dem anderen bald wieder ihre Pforten. Schon im Herbst des gleichen Jahres starteten die „Scala“ (später „Karl-Marx-Klubhaus“, inzwischen abgerissen, heute Standort des „City-Center“) und „Zwei Linden“ ihre Varieté-Programme, und ab 1947 war in allen Musiklokalen außer der „Ressource“ wieder etwas los. Nur das Ballhaus „Endstation“ und das Tanz-Café „Ruhmeshalle“ waren jetzt unerreichbar, weil sie im polnisch gewor- denen Teil von Görlitz lagen.

Unterdessen waren moderne interna- tionale Tanzmusik und Jazz, die im Krieg nicht gespielt werden durften (Tanzen war ebenfalls verboten) auch in Görlitz hei- misch geworden. Vor allem der Swing, damals die im Jazz vorherrschende Stil- art, begeisterte uns Jugendliche. Die neue Musik war immer öfter im Radio zu hören (wenn man noch eines hatte), und ab Ende 1946 gab es wieder in be-schränktem Umfang Noten und Schall- platten. Besonders die neue Platten- marke „Amiga“ brachte die Erfolgsnummern der besten Berliner Bands. Auch gute Tanzorchester, die von außerhalb kamen, brachten moderne Schlager und heiße Musik nach Görlitz.

Auswärtige Kapellen gastierten z.B. in der „Scala“ (Struvestr.), im „Passagen-Café“ (Straßburg-Passage) und vor allem im „Resi“ (Obermarkt), das früher „Zum Mönch“ hieß. Es war ein kleines Tanzlokal, immer brechend voll, man trat sich gegenseitig auf die Füße, beim Tanzen kam man kaum von der Stelle – eine Nahkampfdiele, wie wir damals sagten. Hier war die Atmosphäre, in der Jazz gedeiht. Besonders gut erinnere ich mich an die „Harry-Harder-Combo“ vom Kurfürsten- damm Berlin, die irgendwann im Winter 1947/48 im „Resi“ engagiert war. Eine tolle Band – wenn sie „Hey-Ba-Be-Re-Ba“ hotteten oder den „Flat Foot Floogie“ swingten, schrien wir vor Begeisterung. Man nannte uns damals etwas verächtlich die Swing-Heinis. Wir wiederum nannten unsere Altersgenos- sen, die Schnulzen und lahme Schlager liebten (wie z.B. die „Caprifischer“), herablassend Tango-Jünglinge. Sie schmierten sich Pomade in die Haare, hatten lange Jacketts an und waren hinter allen Mädchen her. 

Diese Stenze zog es mehr in die „Scala“, in der sehr gute Tanzorchester spielten, wie z.B. „Harry Weissnicht“ vom „Luisenhof“ Dresden-Weißer Hirsch. Hier machte man auf vornehm. Die Preise waren hoch, und es herrschte Krawattenzwang. Wer ohne Schlips kam, wurde nur eingelassen, wenn er sich an der Garderobe einen auslieh gegen Hinterlegung eines Pfandes. Solchen Firlefanz mochten wir nicht und gingen dort kaum hin. 

Da war das „Passage-Café“ (Ecke Straßburg-Passage/Jakobstr.) für uns attraktiver. Hier war z.B. „Edi Thum mit seinen Swing-Rhythmikern“ aus Weimar mehrmals engagiert. Die Kapelle spielte unten, wir saßen meist oben auf der Empore, wo man ungestört war. Wer guten Swing hören, ein Mädel aufgabeln oder seine Freundin ausführen wollte, kam hier ebenso auf seine Kosten, wie die Tanz- wütigen. Ohnehin machten wir damals keinen Unterschied zwischen moderner Tanzmusik und Swing, kannten nur Hot und Sweet. Hot waren z.B. Titel wie „In The Mood“ oder „Cement Mixer“, Sweet hingegen „Sentimental Journey“ oder „Ganz leis erklingt Musik“. 

Doch nun zu den im Raum Görlitz ansässigen Kapellen, von denen mindestens drei das Niveau ihrer Kollegen von außerhalb erreichten. Hier muß vor allem das Hausorchester des Tanzlokals und Varie- tés „Zu den Zwei Linden“ in Rauschwalde genannt werden, ein Saalbau, der schon vor der Jahrhundertwende 1899/ 1900 als Etablissement „Zwei Linden“ ein beliebtes Ausflugs- und Vergnügungslokal war und nun eine Diskothek ist. Das Orchester war in den Nachkriegsjahren die einzige pro- fessionelle (kleine) Bigband in Görlitz, bestehend aus 2 Trompeten, 1 Posaune, 3 Saxophonen, Akkordeon, Klavier, Baß, Gitarre, Schlagzeug und dem Leiter Walter Übermuth, der die Band von 1945 bis 1948 dirigierte und häufig auch bei Tanz- musik als versierter Altsaxophonist und Klarinettist den Saxophonsatz verstärkte. Die Musiker waren keine reinen Jazzer, begleiteten aber präzise die Artisten und spielten zum Tanz flott und sauber die Erfolgsschlager der letzten 6-8 Jahre – auch neue Stücke, sofern man sie als Orchester-Ausgaben bekommen konnte. Aber das war sehr schwierig wegen der Papierknappheit. Der Pianist Kurt Hübel war ein gefragter Musiker.

Er spielte nebenbei auch in anderen Musikgruppen und leitete zeitweise auch eine Swing-Combo. Der Akkordeonist und Pianist Martin Viertel gründete später mit Erfolg seine eigene Band. Der 2. Trompe- ter gab auch Unterricht. Ich war einer seiner Trompetenschüler 1947/48. Der Schlagzeuger Fritz Gründer von der Leipziger Str. war ein guter Solist – eine Rarität damals! Wenn er bei „Barcelona“ den Rumba-Rhythmus schlug oder beim „Schwarzen Panther“ die beiden Schlag-  zeugsoli trommelte, eilte ich nach vorn, um ihm auf die Stöcke zu schauen. Der „Panther“, ein heißer, schneller Foxtrott, war damals bei uns ebenso beliebt wie „Chattanooga-Choo-Choo“ und „In The Mood“. Und so stand ich dann 1946 (als lerngieriger Jungschlagzeuger) mit etlichen anderen Swing-Heinis an der Absperrung, die das Orchester vom Publikum trennte.

Wir beobachteten, wie der Drummer sich schaffte und zappelten dabei mit dem ganzen Körper im Rhythmus. Bei dieser Musik vergaßen wir, in was für einer miesen Zeit wir lebten, daß wir dauernd hungerten, und daß die Zukunft ungewiß war, daß die Gerüchteküche im nun zweigeteilten Görlitz besonders stark brodelte, daß man in diesem harten Winter 1946/ 1947 wahnsinnig fror. Das Lokal war schlecht geheizt, es gab kaum Bier, den Bedienungen wurde pro Tag nur je eine halbe Flache Schnaps für ihre Gäste zugeteilt. So brachte sich mancher seinen eigenen Fusel mit und trank ihn heimlich. Wer dabei erwischt wurde, mußte das Lokal sofort verlassen. Nur ein undefinierbares „Heißgetränk“, ein rotes Gesöff, gab es reichlich. Manchmal wurde ein „Alkolat“ angeboten, das wohl ein oder zwei Tropfen Alkohol enthielt.

Sehr erfolgreich waren auch die „Görlitzer Jazz-Rhythmiker“ unter der Leitung des Trompeters Walter Sedlick von der Krölstr. Die Band bestand meist aus 8 Musikern (Trompete, 3 Saxophone und Rhythmusgruppe) und war bei der Jugend sehr beliebt. Sie spielte immer wieder in den namhaften Vergnügungslokalen, wie im „Resi“, im Stadthallengarten und bei der Wiedereröffnung des „Konzerthauses“  (Leipziger Str., inzwischen leider abgerissen) im Oktober 1946. Sedlick war einer der wenigen professionellen Bläser in Görlitz, die jazzig blasen konnten (später ging er als Musikal-Artist auf Reisen), und die Band swingte, was nach meiner Erinnerung an Sedlicks Bruder Adolf am Schlagzeug lag und an dem zeitweise mitspielenden Gitarristen Hannes Stelzer. Aber man war vielseitig und spielte auch Tangos und Walzer. 

Bei den kleinen Kapellen (man bezeichnet sie heute als Combo) in Görlitz war die „Benny-Band“ führend. Man konnte sie unter anderem in der „Fledermaus“ (Ecke Berliner Str. / Salomonstr.) hören. Unter den 5 Musikern war ein sehr guter Saxophonist und der eben genannte Hannes Stelzer, der hier auch sang. Sie spielten jazzige Tanzmusik – reine Jazzbands, die Tanzmusik ablehnten und nur Konzerte gaben, gab es damals bei uns noch nicht – und so kamen wir Swing-Heinis hierher zum Zuhören und nicht zum Tanzen. Ließ sich aber die Tanzerei nicht vermeiden, weil sonst die Mädchen wegliefen, so tanzten wir den Hibbel-Swing. Der war 1948 in Mode und hatte den Vorteil, daß man keine Tanzschritte lernen mußte – man strampelte nur mit den Beinen auf dem Parkett herum und bewegte ich kaum von der Stelle. Mit nur einem Bläser brauchte die „Benny-Band“ keine Orchester-Arrangements. Eine Klavierstimme, die leichter zu bekommen war, reichte aus. Oder man hörte sich ein Stück auf der Schallplatte solange an, bis man es auswendig spielen konnte. So waren die Musiker in der Lage, auch die neuesten Schlager der deutschen Nachwuchs-Komponisten zu bringen wie „Hallo kleines Fräulein“, „Gib mir einen Kuß durchs Telefon“ und die „Räuber-Ballade“, die der damals beliebte Schlagersänger Bully Buhlan schrieb. 

Zu erwähnen wäre noch das Hausorchester des Restaurants und Tanzlokals „Goldener Anker“ in Rauschwalde, dessen Besitzer Lenhart selbst Musiker war und die bis zu 10 Mann starke Kapelle leitete. Diese spielte nicht besonders modern oder gar jazzig, war aber sehr routiniert und vielseitig. Das war erforderlich, da in dem geschmackvoll eingerichteten Lokal neben normalen Tanzabenden auch oft geschlossene Veranstaltungen stattfanden, bei denen alles Mögliche gefeiert wurde. Da vergnügte ich mich bei einem Fest meiner Schulklasse und ertrug, weil ich einen Tanzkurs machen musste, zwei Bälle der Tanzschule Neumann-Henke. Dabei war ein konstanter präziser Rhythmus gefragt, und den brachte die Kapelle. Sie hatte auch sofort die neuesten Modetänze drauf, wie die Samba, die 1948 aus Südamerika kam und auch in Görlitz Jung und Alt auf die Tanzfläche lockte. 

Aber es gab auch „Alte-Herren-Kapellen“, die eine solide, jedoch recht lahme Tanzmusik aus den 30er und 40er Jahren dudelten. Man hörte sie z.B. im „Schweizerhof“ in Weinhübel und im „Kaiserhof“ (später „Görlitzer Hof“), Berliner Str. Diese Musik war nichts für Swinger – da gingen wir auch nicht hin. 

Bekannte Tanzlokale waren damals auch der „Burghof“ in Biesnitz, „Hotel Stadt Dresden“ am Bahnhof, das „Tivoli“ an der Promenade, „Café Roland in Weinhübel und „Kaffee Flora“, ein Tanzschuppen in Rauschwalde.

Die meisten Musiker, über die ich soeben schrieb, waren Profis. Nun noch ein paar Zeilen über den Nachwuchs. Im Vergleich zu heute waren es nicht viele, die ein Instrument lernen konnten und wollten. Das lag an den schwierigen Zeiten. Auch gab es noch keine Instrumente zu kaufen. Ich selbst hatte das Glück, daß ich eine elektrische Eisenbahn besaß und diese gegen eine gebrauchte Trompete tauschen konnte. Das Schlagzeug hatte ich mir vorher Stück für Stück mühsam zusammengeschachert. Aber dann entstand 1947 doch eine Bigband im Rahmen der FDJ, die sich Jugend-Tanzorchester Görlitz (JTG) nannte. Die musikalische Leitung hatte Hans Schulze, Sohn des Inhabers des „Konzerthauses“ in der Leipziger Straße. Er war sehr musikalisch, wurde später Profi und war u.a. Dirigent des Orchesters des Friedrichstadt-Palastes in Berlin. Als ich Mai-Dez. 1948 als Trompeter dabei war, bestand die Band aus 3 Trompetern, 3 Posaunisten, 4 Saxophonisten, je 1 Pianist, Bassist, Gitarrist und Schlagzeuger. Alle waren um die 18 Jahre jung. Die Beherrschung der Instrumente ließ noch manche Wünsche offen, doch wurde dieser Mangel weitgehend ausgeglichen durch die große Begeisterung, mit der wir swingten. Heute, 47 Jahre später (Beitrag entstand 1995), ist diese Begeisterung bei fast allen Jazzern von finanziellen Interessen verdrängt worden. 

Soweit ich mich erinnere, bekamen wir für die Auftritte kein Geld. Wenn wir auf dem Land spielten, gab es schon mal Bockwurst mit Kartoffelsalat – etwas ganz Besonderes in dieser Hungerzeit.

Wir spielten z.B. in einem Barackenlager auf der Reichertstraße für heimatvertrie-bene Schlesier (die mit unserer Musik nichts anfangen konnten) und auch in der Stadthalle bei Boxkampf-Turnieren sowie einem Kapellenwettstreit mit dem Jugend- tanzorchester aus Leisnig (den wir verlo- ren) anläßlich eines Tanzabends. Probe war jeden Sonntagvormittag im „Konzert- haus“. Danach machten wir manchmal eine Jam Session. Dabei entstand eine tolle Atmosphäre, besonders dann, wenn sich die Bläser mit ihren Improvisationen gegenseitig insprierten und zu übertreffen suchten. Gejazzt, besser gesagt, gehottet wurden Evergreens aus den 20er Jahren, wie „Lady Be Good“ und „Swee Sue“. Auch heute noch denke ich gern an diese Musik zurück, wenn ich mit meiner Swing-Combo solche Stücke blase. 

Zum Nachwuchs gehörte auch Wolfgang Lange von der Lessingstr., ein etwas schrulliger Einzelgänger. Er spielte Akkordeon, meist allein oder nur mit einem Schlagzeuger zusammen, war also einer der ersten Alleinunterhalter, wurde Profi und war später irgendwie ein Görlitzer Original. Ich kannte ihn von der Schule her – er mochte auch Swing, fummelte an Saxophon, Geige und Schlagzeug herum, war aber zu faul zum Üben. 1946 spielte er zum Wochenendtanz im „Kulmbacher Postillion“ in Biesnitz ländlich-sittlich mit 2 Musikern und seiner Mutter als Sängerin. Die alternde Dame sang z.B. „Ich tanze mit dir in den Himmel hinein“… es war grauenhaft! Aber Lange wußte halt schon, daß Musiker allein vom Jazz nicht leben können und sich nach dem Publikum richten müssen. 

Lange dichtete auch zuweilen. Zur Melodie der „Räuber-Ballade“ schrieb und sang er einen netten zeitkritischen Text: „Es war einmal ein Schieber, der ging zum schwarzen Markt…“ 

Einmal kam ich zu ihm, weil wir zusammen üben wollten, er Saxophon und ich an seinem Schlagzeug. Da zeigte er mir freudig seine mit vielen halbrunden Eisenblechen gepflasterten Schuhsohlen und sagte, er wolle nun Steptanz üben. Der wäre wieder modern, hatte er von Swing-Heinis gehört. Er traute sich wohl nicht, allein zu üben, denn ich sollte das mitma- chen. Ich war begeistert und ließ mir auch vom Schuster die Schuhe (meine einzigen) mit diesen Blechen beschlagen, die eigentlich dazu dienten, die Spitzen der Sohlen und Absätze vor Abnutzung zu schützen. Dann ging ich zu ihm, er legte eine Swingplatte aufs Grammophon, und wir versuchten, auf dem Steinfußboden der Küche zu steppen. Es dauerte nicht lange, da kam seine sonst singende Mutter schreiend herein und warf uns hinaus. Wir haben das Steppen dann schnell aufgegeben, es war zu mühsam…

Mühsam wurde ab 1948 auch das Swingen. Die neuen Machthaber lehnten den Jazz als „Ausgeburt des anglo-amerikanischen Imperialismus“ ab. Im Zeitungsbericht über unseren Kapellenwettstreit wurde gerügt, daß wir Tanzmusik „auf amerikanische Manier“ spielten und daß eine „gewisse kulturelle Note“ fehlte. Das war noch vergleichsweise gnädig ausgedrückt, da es sich um eine Veran- staltung der FDJ handelte. Im Radio nahmen Jazzsendungen rapide ab, amerikanische Titel mußten in deutscher Übersetzung angesagt und auch auf Schallplatten-Etiketten gedruckt werden (z.B. statt „American Patrol“ „Nächtliche Patrouille“). Schallplatten aus West- deutschland gab es nicht mehr. Die Sowjetisierung wurde auch im kulturellen Bereich verstärkt, die Zwangsmitgliedschaft in der FDJ für Amateurmusiker und im FDGB für Profis war lästig, und viele Musiker setzten sich in den Westen ab, sogar komplette Kapellen. (Später war Jazz zeitweise überhaupt verboten. Erst in den 70er Jahren kam eine Liberalisierung). So wurde der Swing bedeutungslos im Musikleben Ostdeutschlands und vegetierte nur noch in einer geglätteten deutschen Variante dahin. Auch in Görlitz, so daß mein Bericht mit dem Jahr 1949 endet. 

Nachtrag: 

Bei Durchsicht dieses Berichtes fiel mir auf, daß es in Görlitz in jener Notzeit so viele Musiker gab, auch Amateure. Die meisten Männer waren ja noch in Gefan- genschaft, im Krieg umgekommen oder physisch nicht mehr in der Lage zu musizieren. Dennoch war in ca. 25 Lokalen regelmäßig Livemusik. Auch im Bereich der ernsten Musik tat sich viel. Z.B. hatte das Stadttheater 1946 bereits 40 Musiker und 32 Chorsänger, und in die Musik- schule gingen 150 Schüler (allerdings nur klassische Ausbildung). 

Den Grund dafür liefert ein Blick auf das kulturelle Geschehen in den vorangegan- genen Jahrzehnten in Görlitz. Hier hatte die Pflege von Instrumentalmusik und Chorgesang schon immer einen hohen Rang. Das Orchester des Stadttheaters erlangte in den 30er Jahren unter Generalmusikdirektor Walter Schartner ein beachtliches künstlerisches Niveau, trat auch in den Nachbarstädten auf und spielte in der Sommersaison immer als Kurorchester in Bad Flinsberg (heute Polen). Mit der Stadthalle hat Görlitz seit 1910 ein großes, vielseitig verwendbares Haus, das die Heimstatt der Schlesischen Musikfeste wurde, in dem das verstärkte Stadt- theater-Orchester Sinfoniekonzerte gab und bekannte Künstler von außerhalb sowie Stars von Film und Rundfunk auftra- ten. 1936 wurde der Heimatsender Görlitz in Betrieb genommen, der dem Reichs- sender Breslau angeschlossen war. Der Sendemast stand bei Reichenbach, die Senderäume befanden sich im Stände- haus an der Promenade. Bis Anfang 1945 hatten Görlitzer Musiker hier ein weiteres Betätigungsfeld. So hörte man z.B. öfter das Orchester des Stadttheaters, die Orchestergemeinschaft Görlitz und die Tanz- und Unterhaltungskapelle, die zuletzt von dem Geiger Willi Schneider vom Varieté „Zwei Linden“ geleitet wurde. Einen guten Ruf hatte (und hat) auch die Musikschule am Fischmarkt, die „Unterricht für Berufs- und Liebhaberausbildung in Gesang und allen Instrumentalfächern“ bot. Erwähnt sei noch, daß in Görlitz das Musikkorps des Inf.-Regiments 30 und ein Gau-Musikzug des RAD (Reichsar- beitsdienst) stationiert waren und 1942 das Luftwaffen-Musikkorps Gotha (in dem Walter Übermuth Klarinette blies) hierher verlagert wurde. Diese wurden bei Kriegs- ende aufgelöst, und manche Musiker blieben hier. Andere kamen mit den Flüchtlingen und Vertriebenen aus Schlesien und dem Sudetenland. 

So waren also, zusammen mit den „eigenen Gewächsen“ genug Musiker vorhan- den, und sie hatten in der Musikstadt Görlitz ein aufgeschlossenes Publikum, so daß hier nach dem Krieg schnell ein vielfältiges Musikleben entstand. Hinzu kam die große Freude der Menschen darüber, den fürchterlichen Krieg überlebt zu haben. Freude drückt sich gern in Musik aus. Ich glaube, daß diese Freude der Hauptgrund war dafür, daß der fröhlich-flotte Swing damals bei uns so beliebt wurde – und das nicht nur bei der Jugend.

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